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Dinslaken
Humorvoller Abend über das Scheitern

Dinslaken. Es wird gesungen, und es werden Witze gerissen. Mit viel Fantasie inszenierte Burghofbühnenintendant Mirko Schombert die "Vermessung der Welt" als schräge Collage.

Der Kongress singt. "La-la-la" lallt es auf allen Ebenen von der schiefen Bretterbühne, auf der Gastgeber Alexander von Humboldt seinen naturwissenschaftlichen Jahrmarkt der Eitelkeiten feiert. Im Mittelpunkt: Er natürlich. Und Carl Friedrich Gauß. Dem ist alles Gesellschaftliche ein Graus. "Gauß", "Gaaauußß". Humboldt (Markus Penne) kaut auf dem Namen des Mathematikgenies herum und bläst ihn auf wie einen Kaugummiball. Und spätestens hier, in der ersten Szene der großen Collage aus Lebens-Schnipseln, als die Intendant Mirko Schombert "Die Vermessung der Welt" an seiner Burghofbühne inszenierte, sollte man es (noch einmal) klar stellen: Die beiden Personen, die auch in Dirk Englers Bühnenfassung des Bestsellers von Daniel Kehlmann Humboldt und Gauß heißen, haben nichts mit den historischen Persönlichkeiten gemein, außer dass sie im Raum-Zeit-Gefüge dieselben Kilometersteine passieren.

Was also dann wurde bei der Premiere am Freitag im Bestseller-vollen Tribünenhaus auf der Trabrennbahn vermessen? Das Leben zweier Sonderlinge? Matze Vogel spielt den Gauß als weltfremden Zweifler der trotz zweier Ehen und einem halben Dutzend Kinder am "realen", nämlich dem der gesellschaftlichen Erwartungen gemäßen Leben, vorbeischrammt, weil er "den Kopf in den Sternen" hat, wie es seine Frau Johanna (eine der vielen Rollen von Julia Sylvester) so schön ausdrückt. Und Pennes Humboldt ist ein Strahlemann, der sich gerne die Sinne in schwindelnder Höhe vernebeln lässt, wenn er dafür nur höher kommt als jeder Mensch vor ihm. Notfalls auch ein bisschen beschönigt, denn den tatsächlichen Gipfel des Chimborazo hat er ja nicht erklommen - es bleibt immer ein Spalt zwischen dem Menschen und der höchsten Erkenntnis.

All das alleine zu dünn, zu vorhersehbar, zu sehr Klischee wie der blasierte Herzog, der nicht die Erwartungen des Vaters erfüllende Sohn (Felix Lampert), die in ihren selbst verschuldeten Opfertod gehende Ehefrau und der in Hassliebe verbundene ewige Sidekick, hier im Fall Humboldt Bonpland (Patric Welzbacher).

Und deshalb deuten es die schräge Bühne und die hohen Zylinder von Jörg Zysik schon an: Die "Vermessung der Welt" stellt sich vor allem als Farce auf der Showbühne des Lebens dar: Es wird gesungen, und es werden Witze gerissen, Jan Exner sorgt mit seiner Gitarre am Bühnenrand nicht nur für Atmosphäre, sondern treibt die hehren Wissenschaftler des zukunftsgläubigen 19. Jahrhundert zu punkigen Song-Einlagen. Das Streben nach Erkenntnis als Rock 'n' Roll - Way of life, sei es als echtes Wahnsinnsabenteuer auf den Spuren von Aguirre auf dem Orinoco oder hermetisch vom Alltag abgeriegelt im eigenen Geist.

Das wohl glücklichste Wesen ist die personifizierte Natur: Exners gemütlich im Fluss herumglucksendes Krokodil, an dem die Panik der Menschen vorbeigeht.

Keine eigene Persönlichkeit sieht der politisch völlig unkorrekte Indianer-Hellseher (Julia Welzbacher mit Federschmuck und Pitsche-Patsch-Kauderwelsch) in dem die Welt aufsaugenden Humboldt. Das Wesen des Menschen ist die Endlichkeit, die Jahre vor dem Tod mit dem Verfall beginnt. Mit dieser Erkenntnis beweisen Gauß und Humboldt zum Schluss doch noch Weisheit: Auf der großen Welttheaterbühne lachen sich die beiden befreit kaputt.

Applaus für einen bunten, mit viel Phantasie inszenierten und humorvollen Abend über das menschliche Scheitern.

(bes)
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