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Dieter Braun
"Ich bin ein Archivar der schönen Dinge"

Dieter Braun: "Ich bin ein Archivar der schönen Dinge"
Mandrill aus Dieter Brauns Buch "Die Welt der wilden Tiere: Im Süden". FOTO: Dieter Braun
Dinslaken. Der Illustrator Dieter Braun hat schon für den Stern, die New York Times, den Playboy, Forbes und den Guardian gearbeitet. Anfang des Jahres wurde sein Buch "Die Welt der wilden Tiere: Im Süden" von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Bücher 2015 ausgzeichnet. Er lebt in Hamburg. Aufgewachsen ist er in Dinslaken-Eppinghoven.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie ein Händchen fürs Zeichnen haben?

Dieter Braun Ich bin schon sehr früh von meiner Familie und von Freunden darauf aufmerksam gemacht worden. Mein Vater hat mir mit acht Jahren eine Staffelei und Ölfarben geschenkt, obwohl ich dafür eigentlich noch zu klein war. Einmal in der Woche ging ich mit meiner Schwester zu Klara Pieperhoff, einer Dinslakener Künstlerin, um zu töpfern oder mit Öl, Kreide und Aquarell zu malen. Etwa zu der Zeit kam mir die Idee, meine eigenen Tierbücher zu zeichnen. Ich liebte die Tierbücher aus den 60ern, die meine Eltern besaßen. Diesen Stil wollte ich imitieren.

Liegt das Künstlerische bei Ihnen in der Familie?

Braun Überhaupt nicht. Ich habe 25 Cousinen und Cousins, aber ich bin mehr oder weniger der einzige, der künstlerisch tätig ist. Ich stamme aus einer kaufmännischen Familie. Mein Opa, mein Vater und mein Bruder hatten Möbelhäuser: Möbel Braun. Ich bin aus der Art geschlagen.

Was wollten Sie mal werden?

Braun Als Kind Tierforscher. Danach Architekt, weil ich dachte, es hätte mit Zeichnen zu tun.

Tierforscher klingt nicht ganz so weit entfernt von dem, was Sie heute machen. Sind Sie ein Entdecker?

Braun Bei dem Begriff denke ich an Menschen, die dahin gehen, wo noch nie jemand gewesen ist, und das mache ich nicht. Ich sehe mich auch nicht als großen Abenteurer, sondern verstehe mich als Dokumentarist oder Archivar von schönen erhaltenswerten Dingen.

Dafür, dass Sie kein Abenteurer sind, kommen Sie ganz schön rum.

Braun Das hat sich so entwickelt. Nachdem ich meine Frau kennengelernt habe, sind wir um die Welt gereist, haben mehrere Monate in Australien gelebt.

Waren Sie immer schon ein Naturbursche?

Braun Als Kind war ich sehr viel draußen. Mein bester Freund und ich sind von morgens bis abends auf Bäume geklettert und in den Rheinwiesen rumgeturnt. Im Winter haben wir auf den zugefrorenen Seen Eishockey gespielt. Wenn das Wetter schlecht war, hat mich das aber nicht gestört. Ich saß dann drin und habe gebastelt, gezeichnet und gebaut. Ich bin nicht der klassische Naturbursche, der mit dem Rucksack loszieht und unter freiem Himmel schläft. Dafür bin ich zu gemütlich.

Sie bezeichnen sich selbst als den "Karl May" der Tierbücher.

Braun Die Leute glauben immer, dass ich auf meinen Reisen stundenlang auf der Lauer liege und darauf warte, dass ein Löwe um die Ecke kommt. Aber das stimmt nicht! Die meiste Zeit sitze ich im Büro und zeichne. Karl May hat ja auch nicht in den USA gelebt und war per Du mit den Indianervölkern.

Haben Sie sich davongeträumt?

Braun Und wie. Ich liebte den Film "Hatari!" mit John Wayne und Hardy Krüger, nicht zu verwechseln mit der Serie "Daktari", die ich auch toll fand. Hatari spielte in Tansania, wo sie für Zoos Tiere eingefangen haben. Für mich war das so weit weg - wie zum Mond fliegen. Ich mochte auch das "Fliegende Klassenzimmer". Am Ende fliegen alle Schüler nach Afrika. Ich bin in der vierten Klasse nach Norderney gefahren.

Sie haben die Bücher "Die Welt der wilden Tiere" gemacht. Was fiel Ihnen leichter: Süden oder Norden?

Braun Leichter war der Norden. Das lag aber daran, dass er als zweiter Band erschienen ist, und ich mir keine Gedanken mehr über die Struktur und das Layout machen musste. Natürlich habe ich Lieblingstiere. Das sind im ersten Band vor allem die afrikanischen Tiere. Ich weiß nicht, warum, aber ich habe schon als Kind gerne Raubkatzen gezeichnet. Als ich dann das erste Mal in Tansania war, in der Hatari-Lodge, war das magisch mit all den Giraffen, Büffeln und Zebras um mich herum. Mit den Besitzern machte ich Tauschgeschäfte: Ich zeichnete ihnen Postkarten, entwarf T-Shirts und Logos, und sie ließen mich dafür umsonst bei sich wohnen.

Sind dort auch die ersten Ideen für Ihre Tier-Bücher entstanden?

Braun Ich habe zehn Postkarten für sie gemacht, die ich später dem Knesebeck-Verlag gezeigt habe. Ein paar Motive haben es ins Buch geschafft.

Fällt es Ihnen leichter, Tiere zu zeichnen, die Sie in freier Wildbahn erlebt haben?

Braun Für meine Arbeit spielt das keine Rolle. Wenn ich unterwegs bin, mache ich mir nie Skizzen, sondern greife hinterher auf Fotos zurück. Im besten Fall benutze ich mehrere Fotos, die mir helfen sollen, das Prinzip des Tieres zu erfassen.

Was kann eine Illustration besser als ein Foto?

Braun Eine Illustration kann besser weglassen. Ich kann mit wenigen Strichen eine Geschichte erzählen. Ein Foto bildet vielmehr die Realität ab. Natürlich lassen sich Fotos auch bearbeiten, aber bei einer Illustration kann man abstrahieren und mehr aus der Fantasie schöpfen.

Sie haben am OHG Abitur gemacht. Das Gymnasium ist doch eher für seinen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt bekannt.

Braun Ich hatte Mathe und Erdkunde als Leistungsfächer, außerdem Kunst und Sport. Hätte ich den Kunst-LK belegen wollen, hätte ich dafür zum THG gemusst. Und obwohl nur Mädchen in dem Kurs saßen, habe ich mich, was ich heute überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann, dagegen entschieden. Stattdessen saß ich mit meinen besten Kumpels im Mathe-LK. Was nicht die beste Entscheidung war, weil ich fast durchs Abi gerauscht wäre.

Hat denn wenigstens Ihre Kunst-Lehrerin Ihr Talent erkannt?

Braun In der 13. Klasse habe ich ihr erzählt, dass ich nach dem Abi auf die Folkwangschule möchte. Darauf meinte sie: Ich sei zwar ein guter Zeichner, wäre jedoch zu undiszipliniert. Womit sie Recht hatte. Ich habe immer nur das Nötigste gemacht. Kann sein, dass sie mich dadurch motivieren wollte. Jedenfalls dachte ich: Der zeig ich's!

Wann haben Sie mit Ihrer Arbeit das erste Mal Geld verdient?

Braun Mit Aquarellen von den Rheinwiesen, die ich den Müttern von meinen Freunden verkauft habe. Für etwa 50 oder 100 D-Mark das Stück. Einer Mutter habe ich Vierjahreszeiten-Bilder von einem Baum verkauft.

Sie sind nach Ihrem Studium nach Hamburg gezogen. Wurde Ihnen Dinslaken zu eng?

Braun Ich habe früh gespürt, dass ich weg muss, wenn ich etwas reißen möchte. Immer wenn ich nach Dinslaken kam, merkte ich, dass das eine andere Welt war.

2000 erschien Ihr erstes Kinderbuch "Hallo, wer bist denn du?" zusammen mit der Autorin Simone Buchholz. Darin geht es um eine Stadtmaus, die aufs Land kommt und sich über so manches wundert. Bei Ihnen war es umgekehrt. Sie waren die Landmaus, die in die Stadt kam. Worüber haben Sie sich gewundert?

Braun Als ich klein war, hat sich mein Leben fast ausschließlich in Eppinghoven abgespielt. Für mich war es schon eine große Reise, wenn wir zu meiner Oma nach Walsum gefahren sind. Ich hatte auch Verwandte in Berlin. Manchmal haben mich meine Eltern ins Flugzeug gesetzt. Ich erinnere mich an warme Luft, die aus den U-Bahnschächten stieg. Das verbinde ich bis heute mit der Großstadt.

Sind Illustrationen Kunst oder Handwerk?

Braun Irgendwas dazwischen. Meistens geht die Illustration einher mit einem Text oder einer Idee, die zu illustrieren ist. In den USA ist es anders. Meine Agentin dort spricht mich grundsätzlich mit "Dear artist" - lieber Künstler - an. Das finde ich schön, weil es wertender ist. Es gibt dort keine klare Trennung zwischen Kunst und Unterhaltung. Wenn ich mich irgendwo vorstelle, bezeichne ich mich als Illustrator.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE DIRK WEBER

Quelle: RP
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