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Serie Lebenswege - Senioren Erzählen (3)
"Ich habe ein gutes Leben gehabt"

Serie Lebenswege - Senioren Erzählen (3): "Ich habe ein gutes Leben gehabt"
Am 4. Januar 1936 wurde Ruth Arhenbeck in Wesel geboren. Heute lebt sie im Haus Kiek in den Busch. FOTO: Jana_Bauch
Dinslaken. Unsere Journalistenschülerin Jana Bauch hat Senioren besucht, sie erzählen lassen und porträtiert. Heute erzählt sie von Ruth Arhenbeck (81). Von Jana Bauch (Text und Bild)

Wesel Ruth Arhenbeck wohnt seit zweieinhalb Jahren im Seniorenheim Haus Kiek in den Busch. Der Einzug hier geschah aus einer gewissen Unzufriedenheit: Eine häusliche Versorgung, die die 81-Jährige vorher für ein Jahr in Anspruch nimmt, stellt sie nicht zufrieden. Auf eigenen Wunsch zieht sie daraufhin im Seniorenheim ein. Hier fühlt sie sich nun sehr wohl: "Ich bin überrascht, dass ich mich hier so gut eingelebt habe. Es gibt viele Möglichkeiten und Angebote. Hier kann ich jeden Tag ein anderes Freizeitangebot mitnehmen und viel spazieren gehen oder lesen. Das ist einfach wunderbar. Am Wochenende bekomme ich oft Besuch von der Familie."

Ruth Arhenbecks Heimat ist Fusternberg. "In die Innenstadt hätte mich niemand bekommen. Wesel, geliebt habe ich die Stadt nie. Mein ganzes Leben hat sich in Fusternberg abgespielt - hier bin ich zu Hause." Das Dreifamilienhaus, in dem sie gelebt hat, besteht immer noch und ist in die Hände der weitläufigen Familie weitergegeben. Ruth Arhenbeck schafft es heute nicht, ihr langjähriges Heim "aufm Fuß zum Berg" zu besuchen, es sich anzuschauen oder dort zu verweilen. Der Anblick macht sie sehr traurig. Zu viele Erinnerungen verbindet sie mit dem Elternhaus. "Dieses Haus wiederzusehen, macht mich krank. Ich habe einfach zu viele Emotionen", sagt sie betrübt.

Während des Krieges müssen Ruth Arhenbeck und ihre Familie Fusternberg verlassen. Für drei Jahre bleiben sie in Marburg. Nach Kriegsende fährt die Familie Schwarz über die Grenze. Auch sie sind Flüchtlinge, die zu Bauern gebracht werden. In Mistkarren oder Strohballen versteckt, bringen die Bauern die Flüchtlinge über die Grenze. Oft kommt es vor, dass Kinder entführt oder Fliehende erschossen werden. Ruth Arhenbecks Familie schafft es, sie überlebt. Als sie zurückkommt, ist ihr Haus zum Glück nicht von den Bomben getroffen worden. Wesel ist kaputt und fremd, Fusternberg ist teilweise zerstört worden. Die Rückkehr in ihr Haus nach dem Krieg verschafft ihr ein befremdliches Gefühl.

Ein wenig später, als ihre Mutter mit 48 Jahren stirbt, muss Ruth Arhenbeck auf vieles verzichten, um die Familie zu unterstützen. Mit 19 Jahren lernt sie Friedhelm Arhenbeck kennen. Die Hochzeit folgt fünf Jahre darauf. Ruth Arhenbeck und Friedhelm Arhenbeck bekommen einen Sohn, ihr einziges Kind, da Ruth Arhenbeck glaubt, kein zweites Kind gleich stark lieben zu können. Friedhelm Arhenbeck verstirbt früh, mit 40 Jahren. Von dort an schließt sich Ruth mit ihren beiden Nachbarinnen zusammen. Walli, Inge und Ruth: Drei Witwen mit demselben Schicksal. Kein Mann, ein Haus und ein Sohn. Von nun an verbringen die drei Damen viel Zeit gemeinsam, besonders an die Italienurlaube erinnert sich Ruth Arhenbeck gerne zurück.

Ein Ladenkiosk, den die gelernte Verkäuferin in einem Wohnhaus eröffnet, ist rückblickend ihr Lebenswerk. "Der Kiosk ist das, was ich mir in meinem Leben aufgebaut habe. Fast 30 Jahre habe ich dort gearbeitet. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann hätte ich gerne einen richtig schicken, größeren Laden gehabt. Nicht für Textilien, für Lebensmittel - das ist genau mein Ding. Gehste inne Bude und hol mal was! Verkäuferin sein, das ist meine Berufung."

Ihr Kiosk schließt direkt an den Wohnbereich an. So sind Arbeit und Familie gut unter einen Hut zu bekommen. Oft sitzen Arbeiter und Freunde für ein Feierabendbier bei Familie Arhenbeck in der Küche, trinken und quatschen. Doch nicht alle Erinnerungen an den Kiosk sind sorglos: Mit Schrecken erinnert sich Ruth Arhenbeck an einen Einbruch zurück, bei dem 300 D-Mark gestohlen wurden.

Dies soll nicht der einzige Überfall bleiben. Von dort an hat Ruth Arhenbeck immer ein ungutes Gefühl, wenn sie abends im Dunkeln das Geld aus der Kasse zur Bank bringt. Angst, dass jemand in der Hecke sitzt, hervorspringt und sie bedrohen könnte. Bei weiteren Einbruchsversuchen ruft sie stets um Hilfe und schlägt die Einbrecher so meist in die Flucht. Auch gelingt es einmal, die Einbrecher mit dem Fahrrad zu verfolgen und das Geld zurückzuholen.

Mit ihrem jetzigem Heim und dem, was sie bislang erlebt hat, ist Ruth Arhenbeck insgesamt zufrieden: "Der Tag hier ist ausgefüllt. Ich brauche nicht mehr oder nicht weniger. Die Zeit vergeht mal langsamer, mal schneller. Wünsche habe ich keine mehr. Ich habe ein gutes Leben gehabt, würde es jeder Zeit wieder so leben wollen. Außer die Verluste. Das Schlimmste für mich war es, Abschied von meinem Mann nehmen zu müssen."

Quelle: RP
 
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