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Dinslaken
Im Kochtopf von Kathrin Türks

Dinslaken. Gerhard P. Bosche war sieben Jahre alt, als er auf dem Nachbargrundstück in eine Probe der Burghofbühne platzte. Das Zusammentreffen mit Kathrin Türks hat ihn geprägt. Von Henning Rasche

Als Wilhelm Hauff 1826 sein Märchen "Zwerg Nase" veröffentlichte, war die Welt natürlich eine andere. Deutschland existierte als ein Land, das in viele kleine Reiche von Grafen und Herzogen im Vormärz zersplittert war. Und an Hauff war es, das zu kritisieren. Er wünschte sich den benevolenten Herrscher, einen König, der gerecht handelte. Zwerg Nase war also ein politisches Stück, wenn der verhexte Junge mit langer Nase für den Herzog von Frankistan eine dänische Suppe kochte.

Gerhard P. Bosche zog 1961 von Duisburg-Walsum an die Dinslakener Mozartstraße, einen Katzensprung vom Burgtheater entfernt. Er war sieben Jahre alt und tat, was ein Siebenjähriger damals so tun konnte. Wie sieht es wohl ringsum der neuen Heimat aus, fragte er sich. Bosche fand ein Grundstück, um das ein Stacheldraht gespannt war. Aber weil der kleine Gerhard ein Loch fand, kletterte er hindurch - und zog sich eine Narbe zu, die ihn noch heute, knapp 55 Jahre später, an diesen Tag erinnert. "Als Siebenjähriger geht man eher durch einen Stacheldraht als durch ein offenes Tor", sagt Bosche.

Bosche sah, auf der anderen Seite des Stacheldrahtzaunes angekommen, ziemlich viele Kinder und einen riesigen Kochtopf. Der Kochtopf, das war der Topf von Zwerg Nase, der vielleicht gerade die dänische Suppe kochte. Und die Kinder, die sollten den großen hölzernen Kochlöffel bewegen, dass die Zuschauer glaubten, er bewege sich von Zauberhand.

Der kleine Junge war in eine Probe der Burghofbühne für Hauffs Märchen geraten und all das war, trotz der Narbe, ein großes Glück. Bosche lernte Kathrin Türks kennen, die 1951 die Burghofbühne gegründet hatte und ihn jetzt erst einmal für den Kochlöffel brauchte. Die Kinder, die sich daran abmühten, waren allesamt zu klein und zu schwach. Und so war es die Stunde von Gerhard Bosche, der kräftiger war, größer und stärker, und deshalb fortan die Rolle des Kochlöffels in Zwerg Nase besetzte. Im Topf lief er stur seine Runden, der Löffel drehte sich.

Für Bosche begann damals eine ziemlich gute Zeit, wie er heute erzählt, wenn er an die Burghofbühne und an Kathrin Türks denkt. "Vor Frau Türks hatte ich immer einen unglaublichen Respekt. Das war eine sehr resolute Frau", sagt er, der heute hauptsächlich Erwachsenen, aber auch Kindern und Jugendlichen, Literatur und Märchen erzählt. Frau Türks war es dann auch, die ihm gut sieben Jahre lang Rollen gab. Er erinnert sich an "Der zerbrochene Krug" von Kleist, ein Stück von Wilhelm Tell - und noch an ein "seltsames Stück". Im Sommer fuhr er mit dem Fahrrad nach Götterswickerhamm, wo die Burghofbühne ein Probenhaus im Wald besaß, hinter dem Kraftwerk, wie Bosche sich erinnert. Im Winter sind sie dann von Bühne zu Bühne gefahren, haben sich präsentiert, Dinslaken, die Burghofbühne, ihre Idee vom Theater.

Gerhard P. Bosche wurde 14 und Kathrin Türks, die resolute Intendantin, befand, es sei an der Zeit, dass der Junge mal was Anständiges unternahm. Sie verbot ihm die Rückkehr an die Burghofbühne, gab ihm einfach keine Rollen mehr. Was fürchterlich hart und gemein klingt, war schon wieder ein großes Glück. Denn Kathrin Türks sagte ihm, er solle sich gefälligst um die Schule, um sein Abitur kümmern. Das hat er dann auch getan und ist deutlich später auf Umwegen irgendwie wieder auf die Bühne gekommen.

20 Jahre lang hat Bosche als Zahntechniker gearbeitet, später machte er eine Ausbildung zum Heilpraktiker, lehrte an der Uni Vechta Tanz, entdeckte die Wirkung des Klangs und gründete in diesem Bereich sogar eine Firma. 1996 dann ließ er sich in Nürnberg zum Märchenerzähler ausbilden. Heute veranstaltet er Festivals der Erzählkunst, auch in Dinslaken, aber sonst in ganz Deutschland verstreut. Vor 14 Jahren startete er im Stall vom Scholtenhof, wechselte ins alte Wasserwerk und ist jetzt im Ledigenheim Lohberg angekommen. Sein letzter Auftritt in seiner Heimat ist nicht einmal einen Monat her. Diesmal lud der Erzählkünstler sein Publikum zu einem "Herrenabend mit Dame" ein, nannte das Ganze "Literatur feinherb" und überraschte mit einer köstlichen Mixtur aus Heinrich Heine, E.T.A. Hoffmann und Oscar Wilde.

Theater spielt Bosche, der inzwischen in Grammdorf, Ostholstein lebt, auch noch hin und wieder. Aber nicht mehr als Kochlöffel.

Quelle: RP
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