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Dinslaken
Im steten Kampf gegen das Wegsehen

Dinslaken: Im steten Kampf gegen das Wegsehen
Mit Anne Prior freuen sich Dinslakens stellvertretender Bürgermeister Thomas Groß und der stellvertretende Landrat Heinrich Friedrich Heselmann (rechts) über die Auszeichnung für die Dinslakenerin. FOTO: Martin Büttner
Dinslaken. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Anne Prior den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Gestern nahm die Dinslakenerin im Rathaus die Ordensinsignien entgegen. Von Jörg Werner

Aufklärung über die Vergangenheit und immerwährende Mahnung für die Zukunft. Mit ihren Arbeiten zur Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Folgen in Dinslaken verbindet Anne Prior beides und leistet damit einen wahrhaft auszeichnungswürdigen nachhaltigen Beitrag zu einer lebendigen Erinnerungskultur.

Dies machten der stellvertretende Landrat des Kreises Wesel, Heinrich Friedrich Heselmann, und Dinslakens stellvertretender Bürgermeister Thomas Groß gestern in ihren Laudationes deutlich. Anne Prior, so Heselmann, habe mit ihrer unermüdlichen Recherchearbeit, die sie in eine Vielzahl von Archiven geführt habe, die historischen Abläufe genau rekonstruiert, sich dabei insbesondere mit den Biografien der Opfer von Euthanasie, politischer und anderer Verfolgung sowie dem unmenschlichen und grauenvollen Schicksal der jüdischen Bevölkerung beschäftigt. Sie habe das Wirken der Täter erforscht und den Ablauf der so genannten Entnazifizierung im Landkreis Dinslaken. Ihr Verdienst sei es aber auch, dass sie, indem sie immer wieder den Kontakt zu Angehörigen vertriebener jüdischer Familien in aller Welt gesucht habe, die Voraussetzungen geschaffen habe, dass einige Betroffene übehaupt wieder deutschen Boden betreten hätten.

"Ihrer Herzlichkeit und Menschlichkeit ist es zu verdanken, dass sich wieder eine Vertrauensgrundlage gebildet hat. Das verhalf manchen jüdischen Familien zu einer Wiederbegegnung mit ihrer alten Heimat Dinslaken", sagte Heselmann, der zudem hervorhob, dass Anne Prior den Verein "Stolpersteine für Dinslaken" ins Leben gerufen habe, dessen Vorsitzende sie heute noch ist. Der stellvertretende Landrat schlug den Bogen zu der Bedeutung, die das Engagement Priors für die Gegenwart hat.

Er erinnerte daran, dass der Anstoß zu den Recherchen Priors die Ausschreitungen im August 1992 gegen Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen gewesen seien. Diese massivsten rassistisch motivierten Angriffe in Deutschland nach 1945 würden heute oft als Pogrom bezeichnet. Mit ihren Arbeiten zur Geschichte habe sich Prior auch damit auseinandergesetzt, welche Gefahren für unsere freiheitliche, demokratische Grundordnung drohten. "Ihre Auszeichnung ist die Anerkennung für den steten Kampf gegen das Wegsehen", erklärte Heselmann.

Auch Thomas Groß betonte die große Bedeutung Anne Priors historischer Forschung für Gegenwart und Zukunft. Sie habe nicht nur Licht in die dunkelste Zeit Dinslakener Geschichte gebracht, ihre Arbeit ziele auch in die Zukunft "als stete Mahnung für folgende Generationen", gerade in einer Zeit, in der vielle anfällig seien für rassistische und antisemitische Tendenzen und mache deutlich, dass Verantwortung niemals ende. "Eine würdigere Preisträgerin für diese Auszeichnung, kann ich mir nicht vorstellen", sagte der stellvertretende Bürgermeister.

Anne Prior dankte für die Unterstützung, die sie bei ihrer Arbeit erfahren habe und machte deutlich, dass sie diese Arbeit noch lange nicht als beendet betrachtet. Gerade erst, so erzählte sie, habe sie aus Israel ein Bild aus dem Jahre 1938, das eine Gruppe von Kindern und Erziehern aus dem Israelitischen Waisenhaus in Dinslaken zeige, geschickt bekommen. Einige der Abgebildeten habe sie bereits identifizieren können, einige noch nicht. "Sie sehen, es bleiben viele Fragen", sagte Anne Prior. Wer ihr Wirken in den vergangenen Jahrzehnten verfolgt hat, wird keinen Zweifel haben, dass Anne Prior alles daran setzen wird, diese Fragen zu beantworten.

Quelle: RP
 
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