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Dinslaken
Im Sumpf von Lüge und Korruption

Dinslaken: Im Sumpf von Lüge und Korruption
Lara Christine Schmidt und Zlatko Maltar als Ehepaar Stockmann in Moritz Peters Inzenierung von "Der Volksfeind" FOTO: BHB/MB
Dinslaken. Die Burghofbühne feierte mit einem hochaktuellen "Volksfeind" Dinslaken-Premiere in der Aula des Otto-Hahn-Gymnasiums Von Bettina Schack

Eine kleine Kommune plant die große Zukunft. Das Prestigeprojekt des Bürgermeisters, verwirklicht von den Unternehmern der Stadt und gehalten als Aktiengesellschaft, soll groß in der örtlichen Presse herauskommen. Doch dann plaudert einer Interna aus: das Projekt stellt eine Gefahr für Leib und Leben dar. Welche Konsequenzen hat der Schritt an die Öffentlichkeit? Am Freitag feierte die Burghofbühne mit "Der Volksfeind"Dinslaken-Premiere in der Aula des Otto-Hahn-Gymnasiums.

Gastregisseur Moritz Peters inszenierte das Stück über Fakten und Meinungen, Interessen, Macht und Geld als politisch-philosophische Debatte. Da ist der Bürgermeister (Christoph Bahr), der Großunternehmer (Arno Kempf), der Journalist mit parteipolitischer Färbung (Thomas Hatzman), sein Herausgeber (Carlo Sohn), natürlich der "Whistleblower" selbst (Zlatko Maltar) und seine Ehefrau (Lara Christine Schmidt). Sie alle behaupten, Interessen zu vertreten: die des Gemeinwohls und der Wirtschaft, des Volkes als Steuerzahler, der Zukunft der kommenden Generation und im Fall des Whistleblowers auch der "Wahrheit als höchste Ausübung der Freiheit". Doch im Sumpf von Lüge und Korruption entlarven sich alle im Verlauf des Stückes als Interessenvertreter einer einzigen Sache: dem persönlichen Vorteil.

Dr. Thomas Stockmann, ein Kurarzt, der erkennen muss, das die Heilquelle seines Städtchens, die er selbst betreibt, durch Umweltverschmutzung und Pfusch am Bau verseucht ist, tritt mit dieser Erkenntnis an die Öffentlichkeit. Doch diese feiert ihn nicht als Helden, sondern denunziert ihn als Volksfeind, als der Bürgermeister - sein eigener Bruder - erklären lässt, dass nicht die Verursacher, sondern der Steuerzahler die immensen Kosten der Sanierung tragen müsse. Die Alternative: Vertuschen und Weitermachen wie bisher.

Per Loop-Technik wird in Peters Inszenierung, die sich durch formale Klarheit und Konzentration auf den Text auszeichnet, aus der Hetze des Bürgermeisters Volkes Stimme. Dies entlädt seinen Zorn gegen Stockmann: Die Bretterbühne (Bild: Jörg Zysik) fällt in Trümmer. Aber dies ist nicht der einzige Grund, warum der Verfechter der Wahrheit den Boden unter den Füßen verliert. Enttäuscht vom Volk, das er auf seiner Seite wähnte, versteigt er sich in elitären, faschistoiden Sprüchen, bis er zum Schluss, welch Ironie des Schicksals, zum Nutznießer des ganzen Skandals wird: Auch er ist schließlich nur ein Teil des Systems. Im Sumpf kann man versinken, aber sich nicht aus eigener Kraft befreien.

Edward Snowdon und Pegida, Berliner Flughafen und der Brandschutz. Der verseuchten Heilquellen sind es so viele, dass die Erwähnung, die zwei- bis dreijährige Sanierung des Kurbades würde dem Standort in der externen Wahrnehmung auf Dauer schaden, im Publikum als nachträglich in das Stück eingebaute Anspielung auf die Kathrin-Türks-Halle aufgefasst wird. Die Aula des Gymnasiums ist eine Ausweich-Spielstätte von vielen - die nächste Premiere findet im Tribünenhaus am Bärenkamp statt, und mit ihrer kleinen Bühne und den Sichteinschränkungen für große Theaterabende wirklich nur ein Provisorium - aber wer hätte dieses Stück in einer Halle ohne ausreichenden Brandschutz erleben wollen?

So blieb die dickste Kröte, die man an diesem überzeugenden, engagierten Theaterabend schlucken musste, der Hintergrund des "Volksfeind" selbst: Die essayistische Neufassung stammt von Rainer Erler, die scheinbar so tagesaktuelle Handlung und die Aussage dahinter schrieb Henrik Ibsen 1882. Es ist eine alte Geschichte und immer wieder neu.

Quelle: RP
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