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Dinslaken
Jazz-Geschichten eines gereiften Genies

Dinslaken. Dusko Goykovich ist ein Bebopper alter Schule: Mit einem "jungen Quintett" eröffnete der 82-jährige Trompeter und Flügelhornist im Ledigenheim die neue Konzertreihe "Jazz in Dinslaken". Von Ralf Schreiner

Einen Weltklasse-Musiker wie Dusko Goykovich vergisst man nicht. Selbst, wenn das Konzert gut 50 Jahre zurückliegt. Es gibt Jazzfans, die erinnern sich an einen Mann mit schwarzen Haaren, der als erster Trompeter im Kurt Edelhagen Orchester eine ziemlich gute Figur machte. Er verstand sich auf geschmeidige Phrasierungen, sein Flügelhorn hatte einen wunderbar warmen Klang. Mit der Trompete konnte er strahlende Töne zaubern. Er war ein brillanter Techniker und virtuoser Komponist. All das trifft auf Dusko Goykovich auch heute noch zu. Nur das Haar ist mittlerweile weiß, so wie das vieler seiner Fans. Und wenn der 82-jährige Jazz-Veteran sein Quintett, von dem nur zwei Musiker die 50 noch nicht überschritten haben, als "junge Leute" bezeichnet, dann weiß jeder im Saal sein verschmitztes Lächeln zu deuten.

Goykovich mag's entspannt. Dass sich Tenorsaxofonist Jürgen Seefelder nach dem Eröffnungsstück "Unit 7", einem Standard von Sam Jones, des Sakkos entledigt, hat eher mit den gefühlten 27 Grad im Ledigenheim zu tun als mit Überanstrengung. Die Musiker gehen die Sache ruhig an. Das Publikum erlebt ein inspiriertes Bläser-Duo, das sich im Dialog völlig unangestrengt die Bälle zuspielt. Während Goykovich und Seefelder vorn den Ton angeben, arbeitet die hervorragende Rhythmusgruppe mit Bernhard Pichl (Piano), Henning Gailing (Bass) und Michael Keul (Schlagzeug) punktgenau zu. Ein bisschen Ballroom-Atmosphäre, etwas Bossa Nova und Blues, eine Ballade von Duke Ellington ("Isfahan") – gespielt in Quartett-Besetzung. Während Seefelder – Goykovich nennt den Jazzprofessor aus Mannheim "einen der besten Tenorspieler, den ich kenne" – eines der schönsten Stücke des Abends über die Rampe flüstert, ruht der Meister hinter der Bühne ein wenig aus.

Als er wiederkommt, erzählt er von Miles Davis. In einem Restaurant in München hat er ihn getroffen. Miles war so beeindruckt, dass er ihn nach New York einlud. Seine Privatadresse kritzelte er auf eine Menükarte mit Currywurstflecken. Dusko Goykovich hat sie aufbewahrt. Das war gut. Ein Jahr später stand er im Big Apple mit einem der größten Trompeter des Modern Jazz gemeinsam auf der Bühne. "Miles war gut zu mir", sagt Goykovich. Und dann spielt für seinen Freund "Five 'o clock in the Morning", ein wunderschönes Stück voll tiefer Melancholie.

Wie bei vielen Kompositionen des Altmeisters, ist der Song ein wenig sentimental. Das gehört dazu. Ebenso wie die Kunst Goykovichs, in einer Dizzy-Gillespie-Nummer nicht mehr Töne als unbedingt notwendig zu spielen. Hier ist der Trompeter ganz der Alte, hier blitzt sein Genie auf. Hier setzt er selbstbewusst Akzente, schraubt sich mühelos auch in höhere Lagen hoch, ist präziser Ideengeber und verarbeitet all das, was ihm sein Partner an brillanten Ideen zuspielt, zu dem, was einen guten Jazzabend ausmacht. Als Goykovich nach kräftigem Applaus bei der zweiten Zugabe seine Trompete absetzt und zufrieden auf "seine Jungs" blickt, hat diese Geste beinahe etwas Rührendes. "Hat Spaß gemacht", ruft er ins Publikum und winkt. Das hat es, und wie – über zwei Stunden lang.

Quelle: RP
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