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Dinslaken
Kleine Besetzung spielt wie großes Orchester

Dinslaken. Rare Bearbeitungen von Mozarts Klavierkonzerten beim Start der Reihe "beFLÜGELter Ratssaal"

Musik, die im Konzertsaal begeistert, auch zu Hause zu erleben, ist im Zeitalter der modernen Medien eine Selbstverständlichkeit. Die Wurzeln dazu reichen bis in das 19. Jahrhundert, der Blütezeit der Hausmusik, zurück. Orchesterwerke, ganze Opern wurden in kleine Besetzungen bis hinunter zum Flötenduett gesetzt oder als Klavierauszüge auf den boomenden Notenmarkt geworfen. Dass aber eine derartige kammermusikalische Besetzung den Effekt eines großen Orchesters in der Stube oder, wohl eher, dem Salon erzeugen kann, ist etwas Besonderes. Und dies durfte das Publikum jetzt im Ratssaal erleben.

Nach einem Tipp hat Pianist Bernhard Bücker in der Staatsbibliothek Berlin Bearbeitungen der Klavierkonzerte d-Moll KV 466 und C-Dur KV 503 von Wolfgang Amadeus Mozart durch Johann Nepomuk Hummel aufgetan. Gemeinsam mit seiner Frau Annemieke Schwarzenegger (Violoncello), dem 1. Flötisten der Duisburger Philharmoniker, Stephan Dreizehnter, und dessen Kollegin in den ersten Violinen, Birgit Schnepper, präsentierte er die Werke im ersten Konzert der Reihe "beFLÜGELter Ratssaal".

Die neue kammermusikalische Reihe in Dinslaken entstand auch aus Verantwortung gegenüber einem Bösendorfer Flügel. Das Instrument gehörte zur geschlossenen Kathrin-Türks-Halle und wurde aus Schutz vor Kälte und Feuchtigkeit ins Rathaus gebracht. Und wenn es dort einmal steht, dachte man sich, kann es doch auch genutzt werden.

Der Mozart-Schüler Hummel verfasste zunächst übliche Klavierbearbeitungen von Klavierkonzerten und Symphonien seines ehemaligen Lehrers. Dann erweiterte er die Klavierarrangements um Stimmen für Flöte, Violine und Violoncello. Es sind genau die Instrumente, die den Klangcharakter eines Orchesters definieren, wobei die Flöte den Klangraum der Bläser nach oben abschließt. Die Wirkung ist verblüffend. Bernhard Bücker übernimmt, einem Klavierauszug entsprechend, sowohl die Doppelfunktion von Solist und Orchester. Dazu deckt Birgit Schnepper mit typischen Streicherfiguren und Doppelgriffen das gesamte Mittelfeld ab, nimmt sich Stephan Dreizehnter vor allem der Melodielinien an und sorgt Annemieke Schwarzenegger für ein stabiles, kräftiges Bassfundament.

In diesem Klangbild changiert Mozarts Musik zwischen Haydns klarer Klassik und düsteren, stürmischen Vorahnungen des frühen 19. Jahrhunderts, schwebt der langsame Mittelsatz des C-Dur Konzertes geradezu vom Himmel hernieder, bevor sich seine bezaubernde Melodie entfaltet, und verwandelt sich die Dramatik des Schlusssatzes des d-moll Konzertes zum Heiterem mit eleganten Verve. Und der Flügel? Kam unter Menschen. Der Ratssaal war ausverkauft.

(bes)
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