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Voerde
Kumpel bauten ihr eigenes, kleines Reich

Voerde: Kumpel bauten ihr eigenes, kleines Reich
Werner Raschke (rechts) ist ein Mann der ersten Stunde. Als Vorsitzender lenkte er von Anfang an die Geschicke der Siedliergemeinschaft. Seine Nachfolgerin sind Elke Seese und Walter Kubullek. FOTO: Kunkel
Voerde. Vor mehr als 50 Jahren entstand auf dem Hinnemannsfeld ein neues Wohngebiet. Heute stehen dort 138 Häuser. Von Petra Keßler

Dort, wo heute eine ruhige und beschauliche Wohngegend in grünem Umfeld das Bild prägt, rotierten vor mehr als 50 Jahren die Betonmischer und wurde kollektiv in die Hände gespuckt: Bergleute vom Schacht Walsum bauten sich in Voerde auf dem Hinnemannsfeld ihr eigenes kleines Reich. 78 Eigenheime entstanden im Bauabschnitt eins - die ersten wurden 1962, die meisten ein Jahr darauf bezogen. 1967 erfolgte der Einzug in weitere 42 Häuser, die im zweiten Abschnitt entstanden waren.

138 Häuser stehen heute in der Siedlung, wie Werner Raschke berichtet. Der 83-Jährige ist im doppelten Sinne ein Mann der ersten Stunde: Er war nicht nur einer der Bergarbeiter, die damals auf dem Hinnemannsfeld bauten, Werner Raschke war auch einer derer, die vor 50 Jahren, am 2. Januar 1965, die gleichnamige Siedlergemeinschaft gründeten. Als Vorsitzender lenkte er von Beginn an deren Geschicke und feiert nun mit ihr Jubiläum. Zugleich ist es sein Abschied: Im 51. Jahr seines Vorsitzes übergibt er das Zepter in jüngere Hände. Im Mai wurde Elke Seese, Tochter einer der Gründungsväter, zur ersten Vorsitzenden der Siedlergemeinschaft Hinnemanns-Feld gewählt, zweiter Vorsitzender ist nun Walter Kubullek.

Vor 50 Jahren rotierten auf dem Hinnemannsfeld noch die Betonmischer. Heute steht hier eine beschauliche Siedlung. FOTO: privat

Werner Raschke hatte es in den 50er Jahren aus Rotenburg an der Wümme in Niedersachsen an den Niederrhein verschlagen. Weil er und seine Frau keine Wohnung in Norddeutschland fanden, schlug der Onkel seinem Neffen bei einem Besuch in Walsum vor, sich beim Schacht zu bewerben. Mit Erfolg. Werner Raschke blieb und zog 1956 zunächst nach Möllen. Der Bergbau habe damals Bergleute gesucht, die seßhaft werden wollten und daher für Eigenheime gesorgt, erinnert er sich. So entstand auch die Siedlung Hinnemannsfeld in Voerde.

Werner Raschke engagierte sich schon vor der Gründung des Siedlervereins, um 1960, als die Bebauung auf dem Land begann, in dem neu entstehenden Wohngebiet. Er war Sprecher einer der Straßenzüge, fungierte als Vermittler zwischen der damaligen Gemeinde Voerde, dem Schacht Walsum, der Siedlung Niederrhein (heute Vivawest Wohnen), die die Grundstücke gekauft und die Bauleitung in Händen hatte, und den Kumpeln.

Die meisten Bergleute errichteten ihre Eigenheime in Eigenleistung - was eine große Solidarität unterein-ander erfordert habe. "Die Kameradschaft der Kumpel unter Tage war sehr gut. Das hat sich über Tage fortgesetzt und spiegelte sich auch auf dem Bau wieder", berichtet Werner Raschke, der selbst 32 Jahre lang im Bergbau tätig war, zuletzt als Elektrosteiger. Viele der ersten Siedler bauten in ihren Gärten Gemüse an, einige hielten dort Kleinvieh. Im Laufe der Jahre sind daraus "bunte und grüne Ruhezonen" geworden, wie es Werner Raschke formuliert. Walter Kubullek verbindet mit der Siedlung, der er bis auf zwei Jahre, die er weg war, bis heute treu geblieben ist, schöne Kindheitserinnerungen. "Das war für Kinder ein Paradies. Nach der Schule ging es raus, Freunde treffen."

Die Gemeinschaft wird im Siedlerverein bis heute aktiv gelebt: Alle fünf Jahre gibt es ein Siedlerfest, seit 1992 jedes Jahr ein Grillfest, zudem hat Werner Raschke mehr als 30 Kaffeefahrten zu den verschiedensten Zielen organisiert.

Morgen und am Sonntag wird das 50-jährige Bestehen der Gemeinschaft gefeiert. Heute wohnen dort viele, die keinen Bergbau-Hintergrund haben.

Quelle: RP
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