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Dinslaken
Kunst im Schaufenster schärft die Blicke

Dinslaken: Kunst im Schaufenster schärft die Blicke
Unter großem deutschlandweiten Interesse werden die "Ausstellungsstücke" in Dinslaken, hier das von Zarah Landes, vorgestellt. FOTO: Jochen Emde
Dinslaken. Im Rahmen der Ruhrtriennale zeigen Anthony Nestel und Zarah Landes Installationen in Dinslaken. Von Bettina Schack

Was wäre, wenn Israel in Afrika liegen würde? Die Vorstellung klingt abenteuerlich, aber sie ist tatsächlich einmal eine Option der Weltgeschichte gewesen. Anthony Nestel machte sie nun zum Gegenstand einer Schaufensterinstallation in Dinslaken im Rahmen der Ruhrtriennale. Oder besser: Nestels Alter Ego Chaim, eine Kunstfigur, die alternative Realitäten aufzeigt, nimmt die verworfene Idee aus dem Jahr 1903 auf. "The Holy Land of Ganda" ist die künstlerische Annäherung an Geschichte und Gegenwart durch Verknüpfung tatsächlicher Ereignisse zu einer fiktiven Idee.

Zwei Schaufensterfronten, zwei Grenzgänge zwischen Installation, Performance und Malerei, zwei Stationen in Dinslaken, die Teil des übergreifenden Projektes "Ausstellungsstücke" im Rahmen der Ruhrtriennale sind. Kurator Vasco Boenisch hat elf junge Künstlerinnen und Künstler eingeladen, in Bochum, Duisburg und Dinslaken Leerstände mit temporären Installationen auszustatten. In Dinslaken sind das das ehemalige "Sotto voce" in der Rittergasse 3 und das Ladenlokal an der Ecke Duisburger Straße / Wiesenstraße. Dort hielt am Samstagmittag der Bus mit den Künstlern, dem Kurator und rund 40 Journalisten aus ganz Deutschland.

Wenn Malerei dort entsteht, wo sie später die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen wird, ist sie als Kunst im Werden bereits Teil eines sich durch Wandlung, Stillstand und erneuter Wandlung definierenden Gesamtkunstwerks. Eine Woche lang machte Zarah Landes das Ladenlokal auf der Duisburger Straße zum Atelier. "Ich stellte mich selbst in die Vitrine."

Nun gehen in dem Leerstand großformatige Malerei und Installation ineinander über, der Betrachter schaut über die Rückseite eines Lichtsettings ins Innere. Zarah Lande hat Bühnenbild studiert. Die halb verstellten Schaufensterscheiben geben dem Betrachter einerseits nur voyeuristische Einblicke auf "Broke amateurs" frei, auf der anderen Seite ist ein Teil der Installation bewusst auf den Innenraum ausgerichtet und somit dessen Wirkung für den Betrachter verstellt.

Wenn am 28. und 29 September Zarah Landes in der Stadt ist, um die "Broke amateurs" abzubauen, sind Besucher dabei willkommen. Auch Anthony Nestel nutzt die Schaufensterscheiben als gestaltete Fläche. Sie dokumentiert eine Idee aus dem Jahre 1903, Teile der britischen Kolonie Uganda der zionistischen Bewegung Herzls als Territorium für einen jüdischen Staat zur Verfügung zu stellen. Der Vorschlag wurde aus seinen eigenen Reihen abgelehnt, er wäre dem dauerhaften Verzicht auf das historische Gelobte Land gleichgekommen. Nestel dokumentiert diese fast vergessene Fußnote der Geschichte und gibt durch sie hindurch den Blick frei auf eine filmische Dokumentation, die er selbst in Uganda drehte.

Dort träumt eine selbst erklärte orthodoxe jüdische Gemeinde von der Ausreise nach Israel. Wo ihre Mitglieder allerdings nicht als Juden gelten würden. In seiner Rolle als "Chaim" kann Nestel diese Paradoxe aufheben, die Geschichte neu zu schreiben. Und deshalb ist derzeit in Dinslaken in einem Schaufenster in der Rittergasse 3 die Fahne des afrikanischen Israels zu sehen.

Quelle: RP
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