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Eyüp Yildiz
"Müssen der Wahrheit ins Auge sehen"

Eyüp Yildiz: "Müssen der Wahrheit ins Auge sehen"
Das alte und das neue Lohberg aus der Luft - im Vordergrund die grüne Gartenstadt, auf der Fläche im Hintergrund soll jenseits der Hünxer Straße das neue Wohnquartier entstehen. FOTO: RAG Montan
Dinslaken. Im RP-Gespräch erklärt Dinslakens stellvertretender Bürgermeister, warum er die Entwicklung Lohbergs eher skeptisch beurteilt und warum er glaubt, dass das Handlungskonzept für den Stadtteil nicht so einfach fortgeschrieben werden kann.

Dinslakens Politik diskutiert über die Fortschreibung des Handlungskonzepts für Lohberg . Das um fangreiche Papier beginnt mit einer Bilanz des bislang Erreichten. Seit der Zechenschließung sind deutlich über 40 Millionen Euro nach Lohberg geflossen. Gleichzeitig stellen die Autoren fest, dass es bisher nicht gelungen ist, das Image des Stadtteils nachhaltig zu verbessern. Ist das nicht eine niederschmetternde Bilanz?

Eyüp Yildiz So ist das. Der größte Anteil des Geldes ist in die Entwicklung des Zechengeländes gesteckt worden, aber rund 14 Millionen Euro, davon 12 Millionen Fördermittel, sind für sozial-integrative Maßnahmen im "alten" Lohberg ausgegeben worden. Das Skurrile angesichts des vielen Geldes und der Tatsache, dass in dem Konzept mehrfach aufgezeigt wird, dass die Erfolge ausgeblieben sind, ist, dass die Autoren so weitermachen wollen. Sie machen sich zum Beispiel keine echten Gedanken über die Zukunft der Grundschule. Stattdessen erklären sie die Schule einfach weiter zum essenziellen Teil des Handlungskonzepts und wollen sie zu einer Stadtteilschule machen, was immer das bedeuten soll. Ich habe mich in der Vergangenheit mehrfach zu dem Thema geäußert. Wir müssen endlich der Wirklichkeit ins Auge sehen. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Alle Anstrengungen, die Schule zu fördern, sind gescheitert. Die Kinder dort haben nur dann eine wirkliche Chance, wenn wir sie aus dem Umfeld herausholen und dafür sorgen, dass sie nicht länger unter sich bleiben.

Wie würden Sie denn aus Ihrer Sicht, den aktuellen Zustand des Stadtteils beschreiben?

Yildiz Wir wissen - und das sagt ja auch das Konzept ganz klar - dass ein Drittel der Kinder, die im Kindergarten sind, in Haushalten leben, die unter 15 000 Euro Jahreseinkommen haben, also nach meinem Verständnis faktisch von Armut bedroht sind. Das sagt doch schon alles. Im Konzept steht, dass es in Lohberg bei allen Sozialindikatoren das Maximum der negativen Abweichungen vom städtischen Durchschnitt gibt. Da muss ich doch sagen, so kann es nicht weitergehen.

Dennoch ist das Konzept tatsächlich eine Fortschreibung. Die Ergebnisse, die Sie gerade erwähnt haben, werden nicht zum Anlass genommen, einmal kritisch auf die Handlungsansätze zu gucken.

Yildiz Nein. Es wird da weitergemacht, wo aufgehört wurde. Dabei sehen die Autoren die Probleme. Sie weisen doch zum Beispiel auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit hin. Wir haben bisher so viele Maßnahmen in Lohberg gehabt, die im Ergebnis nicht viel gebracht haben. An dieser Stelle ist das Handlungskonzept aus meiner Sicht ganz eindeutig widersprüchlich.

Was müsste denn jetzt geschehen?

Yildiz Wir haben zwei Gruppen. Die eine plant, ohne letztlich die Bewohner einzubeziehen, und die Bewohner sind teils lethargisch. Dieser Teil der Bewohner sucht seine geistig-politische Heimat woanders und beschäftigt sich kaum oder gar nicht mit den Problemen, die wir in Lohberg haben. Das Interessante ist, dass das Handlungskonzept sogar sieht, dass die Menschen nicht teilhaben, sei es bei Bildungsangeboten oder Hilfen, die die Stadt bietet. Das wird nicht angenommen. Und das lässt sich im Handlungskonzept nachlesen. Ich habe aber das Gefühl, dass das Handlungskonzept gewissermaßen aus dem zurzeit so aktuellen Hype fürs Kreative entstanden ist, so aus der Überlegung: Dafür gibt es Fördermittel, jetzt machen wir was dazu Passendes. Die Bevölkerung Lohbergs bleibt da in großen Teilen außen vor.

Aber im Konzept steht doch, dass die Bevölkerung durch die Arbeit des Forums Lohberg mitgenommen worden ist.

Yildiz Nein, eben nicht. Meine Meinung ist eine andere. Gehen Sie doch mal nach Lohberg und reden mit den Leuten, die Sie auf der Straße treffen. Die Frage ist doch, was brauchen die Menschen wirklich. Die brauchen natürlich Jobs und Ausbildungsplätze. Was, wenn man das Geld verwendet hätte, um zum Beispiel billige Räume für kleine Betriebe anzubieten, für eine Schreinerei oder eine Autowerkstatt?

Aber es gibt doch das Leuchtturmprojekt Ledigenheim. Da sind doch Arbeitsplätze entstanden.

Yildiz Ja, 300 heißt es in dem Konzept. Ich gehe aber davon aus, dass die allerwenigsten, die da beschäftigt sind, Lohberger sind. Wir haben im Ledigenheim so viele Theater- und Musikaufführungen, Ausstellungen. Wer genau hinschaut, dem muss aber auffallen, dass dort kaum Menschen aus Lohberg teilhaben. Sie nehmen nicht teil. Die Gründe dafür sind die beiden Pole, die ich gerade beschrieben habe, und es ist sehr schwierig dazwischen eine Brücke zu bauen.

Das Brücken bauen ist aber doch eigentlich das Ziel des Handlungskonzepts. "Lohberg und die Halde werden eins", ist die Überschrift, sprich: das, was auf dem Zechengelände entsteht, wie zum Beispiel das neue Wohngebiet und das alte Lohberg wachsen zusammen. Ist das mehr als eine schöne Vorstellung?

Yildiz Die Autoren des Konzepts sprechen die Risiken ja selber an. Die Gefahr, dass der alte Zechenstadtteil und das Neue auf dem Zechengelände sich entwickeln, ohne dass eine Verbindung entsteht, ist da.

Wenn jetzt über das Konzept diskutiert wird, worauf wird es dabei Ihrer Meinung nach entscheidend ankommen?

Yildiz Ich kann mich, das tut mir leid, mit dem Handlungskonzept so nicht identifizieren. Es gibt Teile, die halte ich für sehr wichtig - Entwicklung zum CO2-freien Standort, Ansiedlung von Betrieben. Aber ich hielte es für fatal, wenn wir zum Beispiel in der Bildungspolitik da ansetzen, wo wir aufgehört haben. Das würde nur dazu führen, dass die Probleme größer werden. Ich erlebe, dass trotz aller Integrationsbemühungen die konservativen islamischen Strömungen in Lohberg stärker werden. Einfach, weil die Menschen keine geistige Heimat finden und denen hinterherlaufen, die ihnen die klaren, einfachen Lösungen vorgaukeln. Ich habe das oft genug selbst erlebt. Kritisiert man die türkische Politik oder Herrn Erdogan, dann erntet man Protest und Empörung. Was zeigt das? In Lohberg wächst ein Mikrokosmos, der nach eigenen Regeln funktioniert und in dem viele die essenziellen Probleme hier und jetzt gar nicht mehr wahrnehmen. Herr Erdogan - oder wer auch immer in der Türkei - wird den Menschen aber auf der Suche nach einem Job oder besseren Bildungsperspektiven für ihre Kinder, also im Alltag hier in Dinslaken, nicht helfen. Was grundlegend fehlt ist die Fähigkeit und Bereitschaft, die Welt und das eigene Leben darin kritisch zu hinterfragen. Deshalb verlange ich immer wieder und zuallererst Aufklärung. Nicht so viele Islamworkshops oder was wir sonst noch alles anbieten, sondern das echte Bemühen um Aufklärung, die den Menschen hilft, aus ihrer teilweise, wie Kant es sagt, "selbst verschuldeten Unmündigkeit" herauszufinden. Das allerdings gilt nicht nur für die Lohberger Community, sondern auch für die Mehrheitsgesellschaft, ganz besonders für die Jugendlichen. Das ist das eigentliche Problem, das aber ganz eng mit den täglichen Problemen vor Ort zusammenhängt.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE JÖRG WERNER

Quelle: RP
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