| 00.00 Uhr

Dinslaken
Musikalische Poesie ohne Sentimentalität

Dinslaken: Musikalische Poesie ohne Sentimentalität
Hochkonzentriert am Flügel: Menachem Har-Zahav FOTO: Heinz Kunkel
Dinslaken. Menachem Har-Zahav interpretierte im Dachstudio "Piano Classics" von Glinka bis Gershwin

Menachem Har-Zahav dürfen die Dinslakener seit fünf Jahren regelmäßig erleben. So nah wie am Freitag im Dachstudio kam man ihm allerdings bis her noch nie. Der Flügel stand vor dem geschlossenen Bühnenvorhang, die erste Zuschauerreihe keine zwei Meter vom Instrument entfernt. So muss es im 19. Jahrhundert in den Salons gewesen sein, wenn sich Liszt oder Chopin die Ehre gegeben haben. Einen solchen Eindruck gewannen die Zuhörer auch akustisch. Har-Zahav spielte die Ballade in g-moll, op. 23 des Letztgenannten. Durchdacht, virtuos, sich vom Verinnerlichten ins Kraftvolle steigernd. Poesie ohne Sentimentalität.

Piano Classics nennt Har-Zahav sein aktuelles Programm, es spannt den Bogen von Glinka bis Gershwin. Zeitlich dazwischen ein Schwerpunkt des Abends: impressionistische Perlen von Claude Debussy und Maurice Ravel.

Har-Zahavs Hände bewegen sich fließend über die Tastatur. Doch immer wieder verlangen die Kompositionen ein blitzschnelles Übergreifen der linken Hand, so dass man sich beim Zusehen an aufspritzende Gischt an felsigen Klippen erinnert fühlt. Eine Assoziation, die nicht soweit hergeholt ist. "Jeux d'eau" nannte Maurice Ravel sein Klavierstück, das genau diese Verbindung schafft: Die Musik spiegelt das Fließen des Wassers wieder. Lebhaft, sich selbst umspielend, schließlich reißend und aufbrausend. Zuvor verbreitete Debussy mit "Claire de lune" lichte Abendstimmung. Die Wiederaufnahme des Themas spielt Har-Zahav so tastend, als wolle er tatsächlich einen Mondstrahl erhaschen.

Nur eine Generation trennte Gershwin von Debussy. Und schon der Franzose öffnete sich dem Ragtime. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zum Jazz und wieder zurück über den großen Teich. "An American in Paris" eröffnet den zweiten Teil des Konzertes. Autos hupen, die Großstadt verbreitet quirlige Hektik und dann folgt das angejazzte Thema, das so Gershwin-typisch im Ohr hängen bleibt.

Doch dies ist nicht das Finale des Abends. Die Klavierstücke Op. 119 von Johannes Brahms hat Menachem Har-Zahav für den Schluss aufgehoben. Ein Intermezzo-Thema, das zunächst etwas verloren den Weg herab kommt und dann in der Unterstimme eine echte, Halt gebende Begleitung erfährt. Ein unruhiges Stück im engen Raum, aus dem eine Melodie wie eine schöne Erinnerung entsteigt. Schließlich ein temperamentvolles Finale, dessen Feuer an die Ungarischen Tänze erinnert.

Applaus, Bravo-Rufe und noch einmal ein Gershwin als Zugabe.

(bes)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Dinslaken: Musikalische Poesie ohne Sentimentalität


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.