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Dinslaken
"Nicht repräsentativ für Deutschtürken"

Dinslaken: "Nicht repräsentativ für Deutschtürken"
Plädieren für eine Fortsetzung des Dialogs: Turhan Tuncel (l.), Vorsitzender des Integrationsrats, und Dinslakens Integrationsbeauftragter Burhan Cetinkaya. FOTO: DIN
Dinslaken. Der Vorsitzende des Dinslakener Integrationsrates, Turhan Tuncel, ist "zutiefst traurig", dass die Türkei nach dem Referendum ein "gespaltenes Land" ist. Für den Integrationsprozess vor Ort fordert er die Fortsetzung des Dialogs. Von Jörg Werner

Als deutscher Staatsbürger, der keinen türkischen Pass hat, konnte er nicht mitstimmen. Dennoch hat Turhan Tuncel, Vorsitzender des Dinslakener Integrationsrats, das Referendum in der Türkei natürlich aufmerksam verfolgt. Dass sich die Türken mit knapper Mehrheit für das von Recep Tayyip Erdogan geforderte Präsidialsystem ausgesprochen haben, macht ihn sehr traurig. Die Türkei sei nach diesem Ausgang ein gespaltenes Land, das eine schwere Zukunft vor sich habe, sagte er der Rheinischen Post. Und er fordert verstärkte Anstrengungen für den Integrationsprozess in Deutschland.

Tuncel ist sich sicher, dass die Tatsache, dass in Deutschland 63,1 Prozent der hier lebenden wahlberechtigten Türken - prozentual also deutlich mehr als in der Türkei selbst - für Erdogan gestimmt haben, nicht repräsentativ für die 1,43 Millionen wahlberechtigter Deutschtürken ist. Der Vorsitzende des Integrationsrats verweist dabei darauf, dass nur rund 46 Prozent - also rund 661.000 - von ihnen überhaupt von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben und von diesen 416.000 mit Ja gestimmt haben. Aus seiner Sicht wäre es fatal, daraus schließen zu wollen, dass die eindeutige Mehrheit der Deutschtürken zu den Anhängern Erdogans gezählt werden müsse. Dennoch ist für Tuncel der Ausgang des Referendums ein deutliches Signal dafür, "noch intensiver am Integrationsprozess zu arbeiten".

Das Ergebnis sei sicher auch eine Folge einer verfehlten Integrationspolitik vergangener Jahre. Inzwischen aber, so Tuncel, sei man auf einem guten Weg - unter anderem seien wie in Dinslaken in vielen anderen Städten Integrationsbeauftragte eingestellt worden, die wertvolle Arbeit leisteten. Offenbar hätten aber noch immer viele Deutschtürken das Gefühl, dass "sie nicht dazu gehören". Immer noch sei es so, dass beispielsweise Jugendliche, die sich um eine Ausbildung bemühen, benachteiligt seien, wenn sie ihren türkischen Namen, ihre Religion oder ihre Herkunft aus einem Stadtteil wie Lohberg nennen. Man dürfe die, die aus solchen Erfahrungen heraus, für Erdogan gestimmt hätten, nicht stigmatisieren. "Dann verlieren wir sie ganz", sagte Tuncel. "Für uns sind die demokratischen Grundwerte das A und O, aber wir dürfen den Dialog nicht abreißen lassen, wir müssen ihn intensivieren und versuchen, die Menschen auf unserem Weg mitzunehmen."

Ein Mittel dazu ist für Tuncel die verstärkte Möglichkeit der politischen Teilhabe. "Die Einführung des kommunalen Ausländerwahlrechts wäre eine große Chance, politische Prozesse einzuüben", sagt er. In der Kommune gehe es nicht darum, Gesetze zu machen, hier gehe es um ganz praktische Fragen des täglichen Zusammenlebens - um Kindergartenplätze oder Schwimmbäder. Wenn es solche Möglichkeiten der Mitwirkung gebe, hätten, so mutmaßt er, auch etliche von denen, die beim Referendum nicht abgestimmt hätten, sich mehr Gedanken gemacht, was sie mit ihrer Stimme hätten bewirken können.

Auch Dinslakens Integrationsbeauftragter Burhan Cetinkaya verweist darauf, dass letztlich nur eine Minderheit der in Deutschland lebenden Türken beim Referendum mit Ja gestimmt hätte und plädiert dafür, sich von dessen Ausgang nicht entmutigen zu lassen und den eingeschlagenen Weg des Dialogs weiter zu gehen. Er erinnert daran, dass ein großer Teil der in Lohberg lebenden Migranten aus ländlichen Milieus in der Türkei stamme, die in traditionellen Denkmustern verhaftet sei. "Das sind genau die Milieus, die Erdogan auch in der Türkei für sich gewinnt", sagte Cetinkaya. Er hat es geschafft, in solchen Milieus eine emotionale Bindung und ein Gefühl der Identität aufzubauen. "Wir sollten uns fragen, warum wir es in all den vielen Jahren bislang nicht geschafft haben, diese Menschen für uns zu gewinnen", sagt Cetinkakya, auch wenn es natürlich nur schwer nachvollziehbar sei, warum sie für ein System stimmten, dass die Rechte von Minderheiten und die Meinungsfreiheit missachte. Aber auf diese Fragen gebe es keine einfachen Antworten. Integration sei nun einmal ein langwieriger und schwieriger Prozess.

Auch Cetinkaya sieht einen Schlüssel für gelingende Integration in der Möglichkeiten zur Teilhabe. Deswegen achte er sehr darauf, dass den Menschen - wie etwa bei den Stadtentwicklungsprozessen in Lohberg die Möglichkeit gegeben werde, mitzureden und mitzugestalten. "Es ist wichtig, dass die Menschen, sich mit dem Quartier, in dem sie leben, identifizieren. Das ist ein großer Schritt zur Integration", sagt Cetinkaya. "Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Menschen in ihrem Alltag begegnen und gemeinsam Projekte auf den Weg bringen."

Quelle: RP
 
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