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Nicht zurück zum Abi nach neun Jahren

Nicht zurück zum Abi nach neun Jahren
Gerd Kube, Leiter des Gymnasiums Voerde, warnt vor einem Schildbürgerstreich. FOTO: RP-Archivfoto
Dinslaken. Gerd Kube, Leiter des Gymnasiums Voerde, gehörte zu den Gegnern der Einführung des Abiturs nach acht Gymnasialjahren. Jetzt kann er sich mit Forderungen, G 8 zu kippen, nicht anfreunden. Allerdings plädiert er für weitere Verbesserungen.

Herr Kube, es gibt eine Volksinitiative, die sich für die Rückkehr zum Abitur nach neun Gymnasialjahren (G 9) einsetzt. So wurden jetzt fast 100 000 Unterschriften im nordrhein-westfälischen Landtag eingereicht für ein Gesetz, das achtjährige Gymnasium wieder abzuschaffen. Ist für Sie die Rückkehr zu G 9 realistisch vorstellbar?

Kube Nein. Deshalb nicht, weil wir zehn Jahre lang Zeit hatten, uns vom System her und auch im Blick auf das Selbstverständnis des Lehrers auf die G 8-Ansprüche einzustellen. Das ist das Eine, das andere sind Zahlen, die wir schulintern erhoben haben. Wir haben bei uns die Jahrgänge G 8 und G 9 miteinander vergleichen und festgestellt, dass die Ergebnisse bei G 8 mindestens genauso sind wie unter G 9-Bedingungen. Zudem haben wir schulintern eine Umfrage bei unseren Schülern gemacht. Wir haben sie gefragt, ob sie durch G 8 zu stark belastet sind. Unsere Schüler haben mit großer Mehrheit geantwortet, das sei nicht der Fall. Wie gesagt: Es hat viele Jahre der pädagogischen Arbeit in den Kollegien gegeben, so dass ich kein Problem damit habe, dass G 8 jetzt bleibt.

Sie gehörten damals , als es um die Einführung von G 8 ging, zu den erklärten Gegnern und zu den Lehrern, die ganz heftig widersprochen haben

Kube Damals wurde G 8 gegen den Willen vieler Lehrerinnen und Lehrer - auch gegen meinen - eingeführt. Es gab gute Gründe, G 8 abzulehnen. Auch wenn einige dieser Gründe heute noch gelten, halte ich einen Rückgang inzwischen für schädlicher, als bei der aktuellen Lösung zu bleiben. Schließlich ist viel passiert und wir haben unsere Arbeit gemacht. Ich glaube, dass die Kollegien einen verordneten Rückgang zu G 9 als Schildbürgerstreich empfänden. Außerdem darf man bei allem nicht vergessen, dass ein heutiger G 9-Bildungsgang bei weitem nicht der gleiche wie vor der Reform wäre. Ich kann auch gut damit leben, den G 8-Bildungsgang als Alleinstellungsmerkmal des Gymnasiums aufzufassen, mit dem sich zur Gesamtschule abgrenzen lässt. Eltern und Schüler hätten damit zwei Optionen.

Was ist aus Ihrer Sicht und nach zehn Jahren Erfahrung an G 8 noch verbesserungswürdig?

Kube Ich will positiv ansetzen. Wir sind hier bei uns an einem Gymnasium, das G 8 mit dem "Ganztag" kombiniert. Das ist eine recht gute pädagogische Möglichkeit, das, was bei den G 8-Schülern zu Leistungsdruck führen könnte, aufzufangen. G 8 in Verbindung mit dem Ganztag hat die Möglichkeit, besondere Förderangebote für leistungsstarke und leistungsschwache Schüler im Stundenplan zu verankern. Das heißt, wenn an einem G 8-Gymnasium ohne Ganztag das Tempo vielleicht als zu hoch empfunden wird, dann gilt das nicht für uns, weil wir uns fast den ganzen Tag Zeit nehmen für unsere Schüler und sie gegebenenfalls intensiv fördern können. Unsere Schüler erleben die Schule als Lebensraum, in dem eben nicht bloß gepaukt, sondern auch vieles gemeinsam - zum Beispiel im AG-Bereich - unternommen wird. Das nimmt unserem G 8-Gymnasium den Charakter der reinen Leistungsinstitution. Unbedingt zu verbessern ist, das sage ich selbstkritisch mit Blick auch auf uns selbst, die Hausaufgabenkultur. Ein Ganztagsgymnasium unter G 8-Bedingungen mit Förderunterricht und Ergänzungsstunden muss einen ganz anderen Ansatz zu den Hausaufgaben finden.

Das bedeutet?

Kube Es kann nicht sein, dass Schüler, wenn sie um 17 Uhr nach Hause kommen, noch zwei Stunden Hausaufgaben machen müssen. Das kluge Stellen von Hausaufgaben ist kein leicht zu lösendes Problem, vor allem einen pädagogischen Konsens im Kollegium zu erreichen, ist ein langer Weg.

Die Schüler müssen also nach der Schule genügend Zeit für sich selbst haben, um sich zu finden, um sich entwickeln?

Kube Aber natürlich. Es gibt ja nicht nur die Schule im Leben unserer Schüler. Es gibt auch noch die Vereine, die Kirchen, es gibt die Hobbys. Ganztagsgymnasium plus zentnerschwere Hausaufgaben - das geht nicht.

Aus Ihrer Sicht und nach all den mit G 8 bislang gesammelten Erfahrungen macht es also Sinn, G 8 beizubehalten.

Kube Ja, man sollte es beibehalten und zugleich einer kritischen Revision unterziehen.

Müsste an den Lehrplänen etwas geändert werden, um G 8 weiter zu stärken.

Kube Die Lehrplanrevision halte ich auch für eine Daueraufgabe. Allerdings zielt hier meine Kritik auf die Ersetzung der Inhalte durch Kompetenzen, wie es leider geschehen ist.

Kritisiert wird , dass die zweite Fremdsprache bereits in Klasse sechs einsetzt. Ist das ein Problem?

Kube Nein, da sehe ich kein Problem. Das funktioniert. Mit dem Fremdsprachenlernen kann man gar nicht früh genug beginnen. Das Problem liegt auf einer ganz anderen Ebene, nämlich der einer grundsätzlichen Gymnasialeignung. Die Frage danach stellt sich auf dem Gymnasium zum ersten Mal ernsthaft, wenn die zweite Fremdsprache eingeführt wird.

Was wurde an G 8 in jüngster Zeit etwas verändert, verbessert?

Kube Bisher war es so, dass an den Gymnasien der Schwerpunkt darauf lag, vor allem leistungsschwache Schüler zu fördern. Jetzt ist eine Akzentverschiebung erkennbar. Man hat festgestellt, dass man in Zukunft auch leistungsstarke Schüler fördern muss. Bei ihnen sähe Förderung dann so aus, dass man sie an Inhalte heranführt, die rechts und links neben dem Lehrplan liegen. Man führt sie stärker an Wettbewerbe heran oder lässt sie beispielsweise zusätzliche Sprachen lernen - bei uns könnten sie etwa Griechisch oder Japanisch lernen - oder schon an Uni-Seminaren teilnehmen.

HEINZ SCHILD FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
 
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