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Dinslaken
Pasolini in Lohberg - und was dann?

Dinslaken: Pasolini in Lohberg - und was dann?
In der Kohlenmischhalle auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Lohberg wird die Ruhrtriennale am 14. August eröffnet. FOTO: RAG Immobilien
Dinslaken. Die Ruhrtriennale wird mit Pasolinis "Accattone" in Lohberg eröffnet. Bringt das den Stadtteil tatsächlich voran? Triennale-Intendant Johan Simons und Dinslakens Vize-Bürgermeister Eyüp Yildiz diskutieren darüber. Von Jörg Werner

Wer Eyüp Yildiz nach seiner Meinung fragt, der bekommt seine Meinung - auch wenn die manchmal gar nicht so gern gehört wird. Das haben auch die Macher der Ruhrtriennale erfahren. Die haben Dinslakens stellvertretenden Bürgermeister zu seinen Erwartungen an den Festival-Auftakt in Lohberg, wo Intendant Johan Simons Pier Paolo Pasolinis "Accattone" inszenieren wird, befragt. Yildiz hat geantwortet, und er hat, wie es vielleicht von einem stellvertretenden Bürgermeister zu erwarten gewesen wäre, kein freundlich unverbindliches Grußwort abgeliefert, sondern dem Intendanten ein paar kritische Fragen gestellt. Simons hat das nicht kalt gelassen. Er hat ausführlich geantwortet. Dokumentiert ist das in der ersten Ausgabe der Triennale-Zeitschrift.

Würde Pasolini heute durch Lohberg spazieren, schreibt Yildiz, entdeckte er mindestens zwei Gesichter des Stadtteils. Auf der einen Seite die Welt der ganz normalen Lohberger. Die kämpften mit Arbeitslosigkeit, Bildungsproblemen und mangelnden Zukunftsperspektiven, seien zu Überflüssigen der Gesellschaft geworden, seit die Fördertürme stillstünden und ihrer Hände Arbeit nicht mehr gebraucht werde. Und dann wandere auch noch ein Salafistengespenst durch die alte Bergarbeiter-Siedlung. Auf der anderen Seite des Stadtteils hielten Künstler Einzug in Atelierräume mit Malocherflair, häkelten Poller zu und bastelten daran, postindustrielle Brachen in blühende Kulturlandschaften zu verwandeln. Sei es das, will Yildiz wissen, wozu Lohberg heute noch tauge: eine pittoreske Schacht-Kulisse, in der sich die Gesellschaft des Kulturspektakels einen Sommer lang feiere, um dann weiterzuziehen. "Accattone" in Lohberg - und was dann?

Würde Pier Paolo Pasolini heute durch Lohberg ziehen, so die Antwort von Johan Simons, er würde den Lohbergern voller Empathie begegnen und nach ihren Geschichten fragen. Er würde die alte Zeche sehen und versuchen, dem Echo, das dort nachklingt, zu lauschen, die Erinnerungen an früher einzufangen, die Sehnsüchte nach alten Zeiten zu formulieren. Und auch die Ängste, die Trauer, vielleicht die neuen Träume. Denn eines habe Pasolini wie kaum ein anderer gekonnt: tiefe menschliche Emotionen spürbar machen.

Simons bekundet Verständnis für die Skepsis von Yildiz und stellt sich der Frage, welchen Sinn ein solches Festival für eine Bevölkerung macht, "die sich ohne Arbeit, ohne Aufgabe ungebraucht und überflüssig fühlt". "Werden wir mit unserer Inszenierung, mit unserem Festivalprogramm die Welt retten? Konkrete Zukunftsperspektiven entwickeln? Die Arbeitslosigkeit und die Trauer um den vermeintlich verlorenen Selbstwert retten? Vermutlich nicht", schreibt der Ruhrtriennale-Intendant. Trotzdem sei es wichtig, genau an diesem Ort Theater zu machen, Künstler einzuladen, den besten Bach-Chor der Welt auftreten zu lassen, Pasolinis Antipassionsgeschichte über Trotz und Stolz zu erzählen. Das Raue, das Übergroße, das Unkontrollierbare der Kohlenmischhalle der ehemaligen Zeche in Lohberg, so Simons, habe ihn unglaublich beeindruckt und verführt - "nicht als Ruinenkulisse für meine Kunst. Auch nicht als spektakulärer Ort zum Feiern. Sondern als Ort, wo ich inspiriert von diesem italienischen Künstler und Revolutionär, kraftvolle Bilder für unsere Sehnsucht nach Widerstand entwickeln kann. Mehr als dies und mein Herzblut habe ich nicht zu bieten".

Inzwischen war Simons mehrfach in Lohberg. Auch Eyüp Yildiz hat er getroffen. Yildiz, so sagt dieser, ist einem höchst spannenden und sehr sympathischen Menschen begegnet. Diskutieren werden sie weiter. Vor der Premiere von Accattone findet eine Debatte über das Thema Arbeit statt. Simons hat Yildiz dazu eingeladen. Dinslakens stellvertretender Bürgermeister hat natürlich zugesagt.

Quelle: RP
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