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Kolumne Neu In Der Stadtbibliothek
Peter Härtling wieder lesen

Dinslaken. Vor wenigen Tagen starb der Schriftsteller Peter Härtling im Alter von 83 Jahren. Der Tod des von Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen hoch geschätzten Autors war sogar der "Tagesschau" einen vergleichsweise ausführlichen Nachruf wert. Das sollte auch für RP-Leser ein Anlass sein, wieder einmal einen Roman, eine Erzählung oder eine der viel gerühmten Künstler-Biographien Härtlings zu lesen. Und dazu soll hier ein konkreter Vorschlag gemacht werden.

Eine der schönsten Erzählungen Härtlings ist meines Erachtens die schmale Novelle "Das ausgestellte Kind", die 2007 erschien. Die eindringlich und anrührend erzählte Novelle schildert Mozarts bewegte Kindheit als musikalisches Wunderkind, das von seinem Vater Leopold Mozart an den europäischen Fürstenhöfen und Adelssitzen vorgeführt und "ausgestellt" wurde.

Der kleine Amadeus muss schon mit sechs Jahren unentwegt reisen, von Salzburg nach Wien, nach Frankfurt, nach Brüssel, nach Paris, nach London und an viele weitere Fürstenhöfe, um dort sein Können vor mehr oder minder musikverständigem Publikum zur Schau stellen. Dabei blickt er auch hinter die Kulissen der höfischen Welt des 18. Jahrhunderts - und mit ihm, ebenso amüsiert wie befremdet, der Leser.

Es ist ein kräftezehrendes Leben, bei dem Wolfgang und Nannerl die meiste Zeit in rumpelnden Pferdekutschen verbringen - und es ist kein Wunder, dass Wolfgang nach all den Strapazen in seinem 11. Lebensjahr ernsthaft erkrankt.

"Das ausgestellte Kind" ist eine ebenso anrührende wie amüsante Erzählung, die mit viel psychologischem Feingefühl die innere Einsamkeit des Wunderkindes einfängt, aber auch seine Vitalität und seine subversiven Überlebensstrategien vor Augen führt - bis Mozart mit 11 Jahren aufhört zu "funktionieren" und erwachsen zu werden beginnt. Am Ende trennt man sich schwer von dieser eindrucksvollen Erzählung, die noch lange in einem nachhallt.

DR. RONALD SCHNEIDER

Härtling, Peter: Das ausgestellte Kind; Kiepenheuer & Witsch: 2007.

Quelle: RP
 
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