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87-Jähriger in Dinslaken stirbt
Polizei sucht Opfer - wer kennt diese Pflegerin?

Polizei sucht Hinweise über Pflegerin Aneta Kurkowska
Polizei sucht Hinweise über Pflegerin Aneta Kurkowska FOTO: Polizei
Dinslaken/Duisburg. In Dinslaken soll die 30-jährige Pflegekraft 2016 einen 87-Jährigen mit einer Überdosis eines Schmerzmittels zu Tode gebracht haben. In Baden-Württemberg wurde sie nun verhaftet. Die Polizei ermittelt, ob sie noch weitere Taten begangen hat. Von Florian Langhoff

Im Dezember 2016 hatte die Beschuldigte Aneta Kurkowska bei einem älteren Ehepaar in Dinslaken-Lohberg als Haushaltshilfe mit Pflegeaufgaben gearbeitet. Am 21. Dezember war das Ehepaar, eine 82-jährige Frau und ihr 87-jähriger Ehemann, nach Stürzen im Haushalt ins Krankenhaus gebracht worden, wo der Ehemann starb, während die Ehefrau wieder entlassen werden konnte. Die 30-jährige Beschuldigte hatte den Krankenwagen alarmiert.

In der Wohnung fanden die Angehörigen der Eheleute zwei Packungen des Schmerzmittels Tramadol, das nicht zu den Medikamenten der beiden Ehepartner gehörte. "Die Beschuldigte hat erklärt, sie hätte das Mittel selbst genommen", berichtete Staatsanwalt Alexander Bayer bei der Pressekonferenz gestern im Duisburger Polizeipräsidium.

Der Fund des Medikaments reichte, um eine Obduktion des Ehemanns zu veranlassen. "Er hatte Vorerkrankungen, die auch zum Tod hätten führen können", erläuterte Bayer die Sachlage. Da es trotzdem Zweifel gab, wurde ein toxikologisches Gutachten beim rechtsmedizinischen Institut der Universitätsklinik Essen angefordert. Dort ließ man sich aber reichlich Zeit.

Als der Staatsanwalt im März 2017 nach der Untersuchung fragte, wurde ihm zugesichert, diese befände sich in Bearbeitung, und er würde das Gutachten schnellstmöglich erhalten. Das Gleiche teilte man ihm noch einmal im September mit. Weitere Anfragen blieben unbeantwortet, bis am 22. Februar 2018 endlich das Gutachten eintraf, das bestätigte, dass der 87-jährige eine tödliche Dosis des Schmerzmittels Tramadol im Blut gehabt hatte.

Als "nicht hinnehmbar" bezeichnete Alexander Bayer die Zeit, die für die Untersuchung gebraucht wurde. Sie erkläre allerdings, warum erst jetzt etwas geschah: "Bevor das Gutachten kam, bestand noch kein dringender Tatverdacht", erläuterte Dieter Kretzer, Leiter der Direktion Kriminalität der Duisburger Polizei die Lage.

Sofort wurde eine Mordkommission eingesetzt und eine bundesweite Fahndung, teilweise auch im europäischen Ausland ausgeschrieben. Mit Erfolg: Ende März wurde die 30-jährige Aneta Kurkowska im baden-württembergischen Aitrach festgenommen.

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Dort hatte sie eine 92-Jährige Frau betreut, die ebenfalls nach einem Sturz im Krankenhaus eingeliefert wurde. Auch hier wurde das Medikament Tramadol gefunden. "Allerdings war es dieser Frau auch verschrieben worden. Wir wissen noch nicht, ob die Beschuldigte auch hier das Medikament gegeben hat", erklärte Staatsanwalt Alexander Bayer.

Polizei und Staatsanwaltschaft suchen nun nach Zeugen, die wissen, wo sich die Haushaltshilfe in der Zeit zwischen Dezember 2016 und März 2018 noch aufgehalten hat. Es gibt Indizien, dass sie noch weitere pflegebedürftige Personen betreut hat.

Da sie wohl von einer polnischen Agentur vermittelt wurde, bewege man sich hier in einer "rechtlichen Grauzone" und sei auf die Hilfe der Angehörigen von ihr betreuter Personen angewiesen.

"Wir nehmen natürlich auch anonyme Tipps entgegen", erklärte Staatsanwalt Alexander Bayer. Es geht vor allem um den oben genannten Zeitraum, aber auch davor könnte die 30-jährige Aneta K. schon als Haushaltshilfe mit Pflegeaufgaben ältere Menschen betreut und ihnen das Mittel verabreicht haben, das im Fall in Dinslaken zum Tod des 87-Jährigen führte.

Das Ergebnis der Blutuntersuchungen der 92-jährigen Frau aus Baden-Württemberg steht noch aus. Dadurch soll geklärt werden, ob die 30-jährige Beschuldigte auch ihr eine erhöhte Dosis des Schmerzmittels verabreicht hat. Außerdem soll eine Blutuntersuchung bei Aneta Kurkowska Auskunft darüber geben, ob sie, wie sie angegeben hat, das Medikament tatsächlich selbst konsumierte und ob hier eventuell eine Abhängigkeit besteht.

Mittlerweile ist die 30-Jährige in der Justizvollzugsanstalt Dinslaken untergebracht. Die Staatsanwaltschaft will nun abwarten, ob sich weitere Zeugen finden und was bei den Ermittlungen in Baden-Württemberg herauskommt. Bleibt der Fall in Dinslaken der einzige, den man der Beschuldigten zur Last legt, könnte in gut einem halben Jahr der Prozess gegen die Beschuldigte beginnen.

Man ermittelt momentan wegen Mordes, auch wenn die Ermittler nicht davon ausgehen, dass Aneta Kurkowska dem Dinslakener Ehepaar das Medikament gab, um die beiden umzubringen.

"Dann hätte sie wohl nicht selbst den Krankenwagen gerufen", erklärte Staatsanwalt Alexander Bayer. Außerdem hätten auch keine Wertgegenstände in der Wohnung der beiden Opfer gefehlt.

Allerdings reiche für den Mordvorsatz schon aus, dass die Beschuldigte den Tod des 87-Jährigen billigend in Kauf genommen haben könnte, als sie ihm das Medikament verabreichte. Weiteres müssen die Ermittlungen und das Verfahren zeigen.

Quelle: RP