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RP-Sommerinterview Christa Jahnke-Horstmann
Reden wir doch mal über Ihre Schulzeit

RP-Sommerinterview Christa Jahnke-Horstmann: Reden wir doch mal über Ihre Schulzeit
Christa Jahnke-Horstmann am Tag ihrer Einschulung in Wuppertal. Im Hintergrund ist ihre Schule zu sehen. FOTO: privat
Dinslaken. In unseren Sommerinterviews reden wir mit unseren Gesprächspartnern über Themen, über die wir gewöhnlich nicht mit ihnen reden. Heute erinnert sich Dinslakens Schuldezernentin daran, wie es war, als sie zur Schule gegangen ist.

Frau Jahnke-Horstmann, erinnern Sie sich gern an Ihre Schulzeit?

Christa Jahnke-Horstmann Ja.

Wo sind Sie zur Schule gegangen und wie haben Sie den Start in Ihre Schullaufbahn erlebt?

Jahnke-Horstmann In Wuppertal. Dort bin ich geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Als ich eingeschult wurde, hieß es ja noch Volksschule, das war eine Schule von der ersten bis zur achten Klasse, auf der ich dann die ersten vier Jahre bis zum Übergang aufs Gymnasium verbracht habe. Damals lernten wir das Schreiben noch auf der Schiefertafel mit Griffel und Griffelkasten, Federmäppchen gab's erst später. Wir hatten das Fach Schönschreiben, und erst als wir das Schreiben auf der Schiefertafel gelernt hatten, gab's dann den Füllfederhalter. Es gab damals noch den ledernen Schulranzen. Und eingeschult wurde ich in einer Klasse mit 48 Kindern.

Wenn Sie sich gerne an Ihre Schulzeit erinnern, dann darf man vermuten, dass das Lernen Ihnen auch Spaß gemacht hat.

Jahnke-Horstmann Ja, Lernen hat mir meistens Spaß gemacht. Ich glaube, ich war eine interessierte, aufgeschlossene, auch eine ganz gute Schülerin, jedenfalls bis zum 15., 16. Lebensjahr. Dann veränderte sich das ein bisschen.

Wie waren die Lehrer?

Jahnke-Horstmann Es gab damals mehr Lehrer als Lehrerinnen. Ich hatte einen Klassenlehrer, groß, hager, mit einem Schmiss an der Wange. Damals war es ja durchaus noch üblich, bei den Burschenschaften aktiv gewesen zu sein. Wenn ich mir überlege, wie damals Unterricht ablief und wie er heute abläuft, dann hat sich doch eine ganze Menge verändert. Das war fast ausschließlich Frontalunterricht. So etwas wie heute - Gruppenarbeit, eigenständiges Arbeiten, Projektarbeit - das gab's nicht. Es ging streng zu. Da war mehr Fügsamkeit als Selbstständigkeit angesagt. Da gab es durchaus noch harte Strafen. Ich entsinne mich gut, dass Mitschüler von mir - meistens waren es Jungen - zur Strafe in der Ecke stehen mussten. Das hat mich Gott sei Dank selbst nie getroffen, aber ich fand das manchmal ganz schön ungerecht. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass Lehrer rumbrüllten. Zum Zeitgeist, der damals die Schulen bestimmte, gehörten auch die Kopfnoten "Beteiligung am Unterricht", "Häuslicher Fleiß", "Betragen", "Ordnung".

Wie war's in den Pausen?

Jahnke-Horstmann Wir spielten auf dem Schulhof Hüpfspiele, Fangen. Computer gab's damals nicht, Handys auch nicht. Das hatte Auswirkungen auf unser gesamtes Freizeitverhalten. Wir waren zum Spielen ganz viel auf der Straße und im Wald. Wir waren damals auch nicht so behütet, wie Kinder es heute oftmals sind. Ich bin fröhlich auf Bäume geklettert, habe mit Freunden im Wald Räuber und Gendarm gespielt.

Ein ganz ruhiges Kind waren Sie also nicht.

Jahnke-Horstmann Nein, ich war ein lebhaftes Kind.

War das Gymnasium, auf das Sie dann gewechselt sind, wie damals üblich noch ein reines Mädchen-Gymnasium?

Jahnke-Horstmann Ja, erst später, als ich in die Oberstufe kam, kamen auch Jungen dazu, und die Koedukation wurde allgemein eingeführt. Das war eine Zeit in den sechziger Jahren, wo die Rede war von der deutschen Bildungskatastrophe. Es wurde festgestellt, dass Schule, wie sie war, soziale Ungleichheit fördert, dass sie mit dem damals ausschließlich dreigliedrigen Schulwesen selektiert. Damals geriet die Tatsache in den Blick, dass es diesen engen Zusammenhang gibt zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen, über den wir heute ja immer noch reden. Und Georg Picht, der 1964 den Begriff von der deutschen Bildungskatastrophe geprägt hat, wies darauf hin, dass wir in Deutschland eine viel höhere Abiturientenquote brauchen. 1960 betrug die gerade einmal sieben Prozent. Daraufhin setzte eine breite öffentliche Reformdebatte ein, die auch in die 68er-Studentenbewegung einmündete. Den Beginn dieser Debatte habe ich seinerzeit nicht wirklich wahrgenommen. Dafür war ich zu jung. Aber ich habe dann in der Oberstufe die ersten Lehrer frisch von der Uni gehabt, die in der 68er-Bewegung geprägt worden waren, und dabei habe ich eine Veränderung von Schule erlebt, wie sie durchgreifender eigentlich nicht sein konnte.

Haben Sie das damals als Schülerin ganz bewusst wahrgenommen?

Jahnke-Horstmann Ja, ich habe mein Abitur Mitte der siebziger Jahre gemacht und mit 16, 17, 18 Jahren haben wir natürlich schon bewusst erlebt, was sich gesellschaftlich tat. In diese Zeit fiel beispielsweise meine erste politische Aktivität - 1972 im Wahlkampf für Willy Brandt, wo ich morgens um fünf vor den Werkstoren der Bayer-Werke in Wuppertal gestanden und Flugblätter verteilt habe. Damals habe ich angefangen, mich politisch zu engagieren und sehr bewusst diese Aufbruchstimmung wahrgenommen. Die wurde auch von den jungen Lehrern, die damals an die Schulen kamen, vermittelt. Auf einmal war kritisches Denken gefragt. Auf einmal war aktive Auseinandersetzung mit Bestehendem nicht nur erlaubt, es wurde tatsächlich auch gefördert. Das habe ich als relativ braves Mädchen, das sich in den üblichen Konventionen bewegte, als unglaublich spannend empfunden. Das betraf auch ganz direkt das Bildungswesen. Damals tauchte die Frage auf, warum denn so wenige Arbeiterkinder studieren. Die Brandt-Regierung hat sich ja auch daran gemacht, das zu ändern. Zahlreiche neue Hochschulen entstanden. Das Gymnasium, auf dem ich war, nahm dann am Modellversuch "reformierte Oberstufe" teil, die dann später flächendeckend eingeführt wurde. Der Klassenverbund wurde aufgelöst, wir bekamen Wahlmöglichkeiten, und das war für uns, die wir bis dahin unsere Schullaufbahn an einer Frauenoberschule, wie es zunächst noch hieß, durchlebt hatten, eine sehr durchgreifende Veränderung.

Hatten Sie Lieblingsfächer?

Jahnke-Horstmann Deutsch, Englisch und Geschichte. Ich hatte Erziehungs- und Sozialwissenschaften als Leistungskurs, und insbesondere dieses Fach hat mir ganz viel Spaß gemacht. Ich habe mich dadurch später entschieden, Soziologie zu studieren.

Gab es Lehrer, die Sie geprägt haben?

Jahnke-Horstmann Ja, das waren diese jungen Lehrer aus der 68er-Zeit, die uns, wie gesagt, zur kritischen Auseinandersetzung befähigt haben, die auf einmal aktuelle Überlegungen zur Entwicklungspsychologie in den Unterricht einbrachten, die in Deutsch oder Englisch mit uns zeitgenössische Texte lasen. Damals hatten die Lehrer mehr Freiheiten innerhalb des Lehrplanes, als sie sie heute wegen der zentralen Abschlussprüfungen haben. Unsere Lehrer ließen Mitbestimmung über die Themen des Unterrichts zu. Als Klassensprecherin, die die Aufgabe hatte, die Interessen ihrer Mitschülerinnen zu vertreten, habe ich das als sehr positiv erlebt.

Als Schuldezernentin erleben Sie ja nun auch, wie Schule heute ist. Was sind die bedeutendsten Unterschiede?

Jahnke-Horstmann Wir sind ein ganzes Stück weiter auf dem Weg zur Chancengerechtigkeit, haben sie aber noch nicht erreicht. Mit Chancengerechtigkeit meine ich, dass alle Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft ihr Potenzial voll ausschöpfen können - durch Bildung, innerhalb wie außerhalb von Schule. Zu Beginn habe ich gesagt, dass wir 1960 eine Abiturientenquote von sieben Prozent hatten, heute liegt die Hochschulzugangsberechtigung aller Jugendlichen bei rund 50 Prozent. Doch wir müssen uns noch mehr um benachteiligte Kinder und um Migrantenkinder kümmern. Und bei den Aufwendungen für Bildung sind wir im internationalen Vergleich immer noch unterdurchschnittlich. Es bleibt noch eine Menge zu tun.

JÖRG WERNER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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