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RP-Sommerinterview Guido Busch
Reden wir mal über Neusser Schützen

RP-Sommerinterview Guido Busch: Reden wir mal über Neusser Schützen
Guido Busch mit Tochter Frederike beim Neusser Schützenfest. FOTO: privat
Dinslaken. In unseren Sommerinterviews reden wir mit unseren Gesprächspartner über Themen, über die wir mit ihnen gewöhnlich nicht reden. Der Leiter des Fachbereichs Existenzsicherung beim Caritasverband Dinslaken und Wesel erzählt heute, warum es etwas ganz Besonderes ist, in Neuss zu den Schützen zu gehören.

Herr Busch, wer in Neuss wohnt und kein Schütze ist, heißt es, ist kein richtiger Neusser. Sie wohnen in Neuss. Sind Sie Schütze?

Guido Busch Ich habe meine Frau an der Düsseldorfer Fachhochschule kennengelernt. Irgendwann stellte sich die Frage, wo wir denn wohnen wollten. Meine Frau ist gebürtige Neusserin, und so bin ich 1992 nach Neuss gekommen. Schon im ersten Jahr dort habe ich gemerkt, dass das Schützenwesen in Neuss etwas Besonderes ist. Überall - auch hier in den Dinslakener Stadtteilen - gibt es wunderschöne Schützenfeste, aber das Heimatfest in Neuss ist schon etwas Einzigartiges. Und wenn man dann eine Weile in Neuss wohnt, stellt man fest, dass nach der Frage "Wo wohnst Du denn?", fast automatisch die Frage kommt, "In welchem Zug machst Du denn mit?" und "Wo machst Du mit?". Die letzte Frage bezieht sich immer darauf, ob man beim großen Schützenfest in der Stadtmitte dabei ist oder bei einem der vielen kleineren Schützenfeste, die rundherum gefeiert werden. Das Beste ist, man kann dann sagen, dass man in der Stadtmitte beim Neusser Bürgerschützenverein mitmacht.

Die Frage, in welchem Zug man das tut, ist in Neuss ja schon entscheidend. In welchem Zug sind Sie denn und wie unterscheidet der sich von den anderen?

Busch Ich bin bei den Sankt-Hubertus-Schützen von 1899. Wir sind eine Gruppe von ungefähr 700 Männern, gewachsen von 350 auf 700 in den letzten Jahren, und ich gehöre dem Fahnenzug der Sankt-Hubertus-Schützengesellschaft an. Unsere Aufgabe ist es, zu allen offiziellen und auch nicht ganz so offiziellen Gelegenheiten wie etwa Ehrenfeiern oder auch Begräbnissen das Jahr über unsere Hubertus-Schützen zu repräsentieren. Erkennbar sind wir an den schwarzen Hosen, den grünen Jacken und insbesondere natürlich an unseren Traditions- und Schwenkfahnen. Man erkennt uns im großen Schützenumzug relativ schnell, weil auch die anderen - ob Jäger oder Grenadiere - alle ihre individuellen Erkennungsmerkmale wie weiße Hosen oder Frack haben. Wer sich ein Bild vom Neusser Schützenfest machen will, der sollte am letzten Sonntag im August zwischen 11 und 13 Uhr WDR 3 einschalten. Dort sieht man das Neusser Schützenwesen in seiner ganzen Schönheit und Vielfalt.

Wann sind Sie in den Schützenverein eingetreten und mussten Sie besondere Bedingungen erfüllen?

Busch Das ist bei den einzelnen Zügen ganz unterschiedlich. Ich bin 1994 zum Verein gekommen und bei uns ist es so, dass man über die Fürsprache eines Zugmitglieds aufgenommen wird - zunächst auf Probe. Meine Frau ist, wie gesagt, gebürtige Neusserin, und aus der Arbeit in der katholischen Kirche hat sich eine Gruppe gebildet, die auch im Fahnenzug mitgemacht hat. So habe ich dann auch Hajo Wigbels, meinen "Schützen-Paten", gefunden. Er hat mich eingeführt in die Rituale und mir geholfen, mich so auszustatten, dass ich auch beim Schützenfest mitmachen konnte. Die Entscheidung, ob man tatsächlich aufgenommen wird, erfolgt dann in einstimmiger Wahl, nachdem man im ersten Jahr als Gastmarschierer mitgelaufen ist.

Ihr Zug ist anders als andere ja eine Bruderschaft, also gründet in christlichen Wurzeln. Wie weit spielt das eine Rolle?

Busch Es spielt eine große Rolle bei uns. Es gibt viele Schützen, die sich von den christlichen Traditionen wegbewegt haben. Wir sind Teil und leben auch als Teil der katholischen Kirche - nicht nur weil wir eine Bruderschaft sind, sondern weil wir auch gemeinsam Kirche erleben. Ein ganz einfaches Beispiel: Der Schützenfestsonntag, als der höchste Festtag im Neusser Schützenwesen, beginnt für uns um 7.15 Uhr mit dem Antreten vor dem Rathaus und mit dem Besuch des Festhochamtes. Dort haben wir mehrere besondere Aufgaben. Die Messdiener etwa werden traditionell von den Fahnenzüglern gestellt - genau wie bei der Messe zum Patronatstag im Herbst auch. Und diese Aufgaben übernehmen wir sehr gerne, weil wir im katholischen Glauben leben. Die Basis des christlichen Glaubens, die wir hier und dort pflegen, ist so auch das Verbindende zwischen meiner beruflichen Tätigkeit hier in Dinslaken und meinem Engagement bei den Schützen.

Das Regiment hat deutlich über 7000 Mitglieder. Die müssen bei den öffentlichen Auftritten auch gelenkt und koordiniert werden. In Neuss gibt's deswegen am Rathaus eigens eine Schützenampel. Was hat es damit auf sich?

Busch Ja, die gibt's. Aber ganz ehrlich, ich habe diese Schützenampel noch nie bewusst wahrgenommen. Wenn alles vorbereitet ist und alle parat stehen, dann springt diese Ampel von Rot auf Grün und signalisiert dem Obersten, dass er sein Regiment über den Markt führen kann.

Was gehört für Sie zu den Höhepunkten des Neusser Schützenfestes?

Busch Es gibt am Schützenfestsamstag ein besonders emotionales Ereignis - das Donnern der Geschütze. Da stehen dann fünf Kanonen, die Punkt zwölf Uhr neunmal Salut schießen. Das ist natürlich ein Höllenlärm. Und genau in diesem Moment wird die Fahne auf dem Quirinus-Münster hochgezogen, und alle Kirchenglocken in Neuss läuten für ungefähr zehn Minuten. Das ist eine ganz besondere Stimmung, die man auch, wenn man als Fremder beim Neusser Schützenfest ist, spürt. Die Fahne wird übrigens von einem Grenadier hochgezogen, der einen schwarzen Frack trägt, und die Legende sagt, wenn eine Frau, die einem Mann sucht, diesen Frack während des Fahnenhissens an den Zipfeln fasst, wird sie bei diesem Schützenfest den Mann ihres Lebens finden. So gibt es tausende Geschichten, die sich um das Neusser Schützenfest ranken und die von Schützengeneration zu Schützengeneration weitererzählt werden.

Was schätzen Sie noch besonders am Neusser Schützenfest?

Busch Das Schöne ist, dass es kein Fest der alten Männer ist, also von Männern, die eine Tradition weiterverfolgen, weil es nun mal so ist. Mein Sohn ist jetzt 20 Jahre alt und hat vor vier Jahren mit den älteren Messdienern unserer Kirchengemeinde einen Schützenzug gegründet. Das sind 15 junge Männer, die jetzt natürlich wegen des Studiums verstreut sind, aber am Schützenfestfreitag, wenn meine Frau und ich den Garten geschmückt haben, dann fallen diese jungen Männer bei uns ein, essen alles auf, was irgendwie nach einer Frikadelle aussieht und stürzen sich dann in die Schützenfesttage. So ergeht es ganz vielen jungen Leuten, die dann während des Schützenfests diesen Zusammenhalt in ihrer Gruppe wieder neu erleben. Und der ein oder andere Schützenkönig hat aus solchen Gruppen heraus, die Schützenkarriere gestartet, die ihn schließlich auf den Thron geführt hat.

Das ist das Stichwort. Wann werden Sie Ihre Schützenkarriere mit dem Königstitel krönen?

Busch (lacht) Ich habe es in diesem Jahr erreicht. Wir schießen als Fahnenzug auch immer einen König aus. Ich bin in diesem Jahr Zug-König geworden. Die Ehre besteht dann zwar "nur" darin, dass man König einer Gruppe von 15 Personen ist, aber für mich ist das die höchste Sprosse dieser Karriereleiter, die ich nehmen möchte. Ein guter Bekannter von uns ist in diesem Jahr Hubertus-König geworden. König von 700 Männern zu sein, ist dann schon etwas mehr, auch hinsichtlich der finanziellen Aspekte. Und Stadtkönig zu werden, das machen nur Männer, die das Königsein über ein Jahr als Erfüllung eines Lebenstraumes ansehen. Diesen Lebenstraum habe ich nicht. Ich fühle mich in meinem Zug sehr wohl. Wir haben eine tolle Gemeinschaft. Und wenn ich allein die Termine sehe, die unser Hubertuskönig das Jahr über durchstehen muss, dann ist das etwas, das ich nicht unbedingt mit meinen privaten und dienstlichen Verpflichtungen vereinbaren möchte.

Nichtsdestotrotz erfordert auch das "einfache" Schützenleben eine Menge Zeit. Da muss dann auch die Frau mitspielen.

Busch Ja, meine Frau hegt, auch wenn sie das gern bestreitet, eine große Liebe zum Neusser Schützenfest. Schütze zu sein in Neuss, ohne dass die Ehefrau aktiv mitmacht, ist, glaube ich, nicht möglich. Es ist ein gemeinsames Familienfest von Jung und Alt, und da kann man nicht alleine mitmachen. Darum gibt es auch eine schöne Bezeichnung für die Frauen im Schützenfest. Es sind die "Nüsser Röskes" - die Neusser Rosen.

JÖRG WERNER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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