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Dinslaken
Rostige Ketten und Posaune mit Güterzug

Dinslaken: Rostige Ketten und Posaune mit Güterzug
Raphael Beck gab sein erstes experimentelles Konzert im Wasserturm des Parkwerk-Vereins. FOTO: Lars Fröhlich
Dinslaken. Raphael Beck überzeugte im Wasserturm des Parkwerk-Vereins mit mulitmedialer Klangkunst. Die Besucher erlebten einen kreativen und inspirierenden Abend mit starker Musik und starken Bildern. Von Bettina Schack

"Lauschen, man wird noch was hören", schreibt Raphael Beck mit Kreide auf die Tafel, die am gekappten Wasserrohr mit dem riesigen Absperrventil in der Mitte des alten Wasserturms am Bergpark Lohberg lehnt. Raphael Beck legt die Kreide beiseite und begibt sich hinter seine Installationen: Holzständer, an denen in mehreren Reihen hellglänzende, zehn bis zwanzig Zentimeter lange Schrauben und verrostete Glieder einer alten Kette hängen, metallene Schrottteile, ein alter Schürhaken und sogar schwarz lackierte Backbleche.

Der 16-Jährige, der bereits an mehreren Kunstaktionen im Kreativ.Quartier teilgenommen hat und nun sein erstes experimentelles Konzert im Wasserturm des Parkwerk-Vereins gibt, schlägt sacht gegen die großen, frei hängenden Schrauben: glöckchenreine Klänge, allerdings mit einem leichten Tremolo. Ihr Nachhall überlagert sich, leichte Reibungen entstehen. Diese werden gesteigert, wenn Raphael Beck auch die verrosteten Kettenglieder - diese übrigens Fundstücke vom ehemaligen Zechengelände nebenan - in ihre dissonanten Schwingungen versetzt. Die nächsten zehn Minuten vertiefen sich die Gäste im Wasserturm in lebendige Klangebilde, in einer freien Improvisation, die die Grenzen zwischen Kunstinstallation und zeitgenössischer Musik verschwimmen lässt. Um den crossmedialen Anspruch perfekt zu machen, wird das Konzert auf der Bühne, einem in den Boden zementierten Sockel aus den ursprünglichen Nutzungstagen des Wasserturms, von Jonas Sütel gefilmt und per Beamer auf eine weiße Wand im Turmcafé geworfen.

Die perkussiven Klänge schärfen die akustische Wahrnehmung, die Tür des Wasserturms wird mit einem empfundenen Krachen geöffnet und wieder geschlossen. Später nimmt man deutlich das Rühren in einem Kochtopf wahr, der auf einer kleinen Herdplatte zwischen Bühne und Theke steht. "Einige machen sich auf den Weg zum Kessel" schreibt Raphael Beck auf die Tafel, während das Publikum noch der ersten Improvisation applaudiert. Tatsächlich ist das Kulinarische ebenso Teil des Programms: Es gibt türkische Joghurt-Nudel-Suppe. Raphael Beck und Jonas Sütel besuchen die Freie Waldorf-Schule Dinslaken, der folgende Film entstand unter Mitwirkung des Lehrers Matthias Moser. Schwelgern: die Industriekulisse eingefärbt in das Nachtblau des Himmels und das Gelb der Straßenbeleuchtung. Es ist der Schauplatz einer Freien Improvisation für zwei Blechbläser und Güterzug. Während Matthias Moser und Raphael Beck am Eingang einer Unterführung Flügelhorn und Posaune spielen, rangieren Güterzüge langsam im Hintergrund, mischt sich ihr Kreischen und Dröhnen in die warmen Blechbläserklänge. Starke Musik, starke Bilder.

Auch der letzte Teil geschieht in improvisierter Interaktion. Ingo Borgardts spielt Bassklarinette, präparierte Gitarre und Kreissägeblatt (klingt wie ein großer Gong), Raphael Beck antwortet darauf mit viel Gespür für den musikalischen Dialog auf einem selbstgebauten, überdimensionalen Streichpsalter. Dazu malt Friedhelm Barkei auf Papier, Jonas Sütel überträgt den Fortschritt per Kamera. "Wie wird das werden" übertitelte Raphael Beck diese letzte Aktion, eine Frage, die er für sich bereits zu Beginn des Abends so formulierte. Die Antwort am Ende eines kreativen und inspirierenden Abends kann nur kurz und knapp ausfallen: "gut!".

Quelle: RP
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