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Unsere Woche
Rote Hasen können die Probleme nicht lösen

Dinslaken. Warum die in dieser Woche diskutierte Befragung zum Leben in Lohberg Anlass zu reichlich Zweifeln bietet, und warum der Stadtteil keine Wohlfühl-oase ist.

Schlag nach bei Goethe. Denn der hat im Zweifel Weisheiten für alle Lebenslagen parat. Auch ganz grundsätzliche. Nehmen wir zum Beispiel mal die Gedichtzeile "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut".

Sicher, so unbedarft war der keineswegs abgehobene, sondern mit beiden Beinen im Leben stehende Dichterfürst schließlich nicht, sagen die Zeilen eigentlich vor allem aus, dass die wenigsten Menschen diese Attribute in sich vereinen. Nicht ohne Grund hat Goethe das Gedicht, an dessen Anfang diese Zeile steht, mit "Das Göttliche" betitelt. Aber als Möglichkeit, gewissermaßen als Arbeitsauftrag für Menschen, die in einer an ethischen Maßstäben orientierten Welt leben möchten, sollte dieses Goethesche Diktum doch eigentlich unbestritten sein.

Und deswegen muss die Frage erlaubt sein, was es denn über den Zustand dieser Gesellschaft aussagt, dass die Kombination allein der beiden Wörter "gut" und "Mensch" just in diesem Jahr zum Unwort des Jahres gekürt worden ist, weil "Gutmensch" inzwischen eher als Verunglimpfung gemeint ist, mit der Menschen belegt werden, deren Hilfsbereitschaft - beispielsweise im Umgang mit Flüchtlingen - pauschal als naiv, dumm und weltfremd diffamiert werden soll.

Was für ein gefährlicher Unfug. Gute Menschen - selbst wenn sie naiv und weltfremd erscheinen sollten - können allen als Vorbild dienen. Die Gefahr geht von anderen aus. Von den Schönrednern und Rosarot-Malern nämlich, die besseren Wissens die Realität ausblenden.

Und damit sind wir bei einer gar seltsamen Befragung, deren Ergebnis die Stadtverwaltung in dieser Woche in einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung vorgestellt hat und von der sie zuvor vollmundig erklärt hatte, dass sie das Leben in Dinslakens Stadtteil Lohberg unter die Lupe nehme.

Und was kommt dabei heraus, wenn Studierende aus Lohberg und von der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund im Auftrag der Stadtverwaltung den Stadtteil unter die Lupe nehmen? Der weitaus überwiegende Teil der Lohberger lebt gern in Lohberg. So, so. Dann ist ja alles gut. Oder? Nichts ist gut.

300 von rund 6000 Lohbergern sind von den Befragenden für die Befragung auserkoren worden, etwas mehr als die Hälfte von denen mochte sich überhaupt befragen lassen und von diesen insgesamt 159 Befragten beurteilten 80 Prozent die allgemeine Zufriedenheit, die Lebensqualität und das Zusammenleben mit Nachbarn im ehemaligen Zechenstadtteil mit gut bis sehr gut. Für Dinslakens Sozialdezernentin war das offenbar Anlass genug zu dem Fazit, dass Lohberg ein Stadtteil in Bewegung ist, dessen Bild sich gewaltig verändert hat und in dem schon vieles erreicht worden ist. Und wer will ihr bei den Punkten eins und zwei schon widersprechen.

Seit die Zeche Ende 2005 dichtgemacht hat, ist in Lohberg in der Tat eine Menge in Bewegung geraten. Der Stadtteil hat sich einen Ruf erarbeitet als Salafisten-Hochburg, aus der junge Männer in den vermeintlich heiligen Krieg ziehen, um Ungläubige zu töten. Nicht wenige, die in dem Stadtteil leben oder mit den Menschen dort arbeiten, berichten, dass ein stark konservativer Islam um sich greift und Konflikte zwischen Anhängern des türkischen Präsidenten Erdogan, der bekanntlich gerade ohne sonderlich viel Rücksicht auf Menschenrechte in seinem Land "aufräumt", und dessen demokratischer gesinnten Gegnern heraufziehen, wenn nicht schon im Gange sind.

Das ist jetzt aber ungerecht, sagen Sie? Die Stadt hat doch viel getan und mit den vielen Millionen Euro, die nach Lohberg geflossen sind, ist eine ganze Menge zum Positiven verändert worden.

Ja das stimmt.

Aber hat das wirklich zur Lösung der Probleme beigetragen? Reicht es wirklich einen ohne Frage schön gestalteten, teuren Bergpark zu schaffen, dort einen roten Hasen aufzustellen und alles für gut zu befinden? Auch diese Frage ist natürlich polemisch, weil ja tatsächlich weitere Projekte zur Unterstützung des Stadtteils auf den Weg gebracht worden sind.

Aber wer mit einer Befragung, deren Methodik zumindest zweifelhaft scheint, den Stadtteil Lohberg gewissermaßen zur Wohlfühloase deklariert, muss sich schon ein wenig Polemik gefallen lassen.

Wie steht es denn tatsächlich um die so oft beschworene Bildungsgerechtigkeit für die Lohberger Kinder? Nicht einmal die Verträge zum Bildungsinnovationszentrum Sankt Marien, das der Rat gewissermaßen als letzte Chance für den Erhalt der Grundschule auf den Weg gebracht hat, sind bislang unterschrieben. Wie viele Ausbildungs- und Arbeitsplätze für Lohberger Jugendliche sind geschaffen worden, die denen das Gefühl geben könnten, in der Mitte dieser Gesellschaft angekommen zu sein? Ungelöste Probleme, wo man hinschaut.

Wohlgemerkt, es geht nicht darum den Stadtteil schlecht zu reden, aber ein realistischer Blick auf ihn und seine Probleme hülfe weiter als Befragungen, deren Erkenntniswert gen Null tendieren und die im besten Fall als Versuch gewertet werden können, ein angekratztes Image mit untauglichen Mitteln aufzupolieren.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.

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Quelle: RP
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