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Dinslaken
Ruhrtriennale in Lohberg eröffnet

Dinslaken: Ruhrtriennale in Lohberg eröffnet
Byung-Chul Han, der laut Triennale-Intendant Johan Simons "wohl zurzeit wichtigste Philosoph", präsentierte etliche provokante Thesen. FOTO: Büttner, Martin (m-b)
Dinslaken. Mit Pier Paolo Pasolinis "Accattone" in der Inszenierung des neuen Intendanten Johan Simons ist gestern die Ruhrtriennale in die Spielzeit 2015 bis 2017 gestartet. Zuvor gab's eine anregende Debatte über das Thema Arbeit. Von Jörg Werner

Premieren über Premieren: Ein neuer Intendant startet in seine Spielzeit, er tut das an einem Spielort, der bislang noch kein Schauplatz dieses Kulturereignisses fürs Ruhrgebiet war, und erstmals wird die Triennale mit einer Festrede eröffnet. All das spielte sich gestern Abend auf dem Zechengelände in Lohberg ab. Seinen Lauf nahm das Ganze mit einem politischen Statement Simons, der die Ruhrtriennale nicht nur als Ort der Kunst, sondern auch als Festival der Debatte verstanden wissen will. Und wer im Ruhrgebiet debattieren will, kommt an dem Thema Arbeit schwerlich vorbei. Welch besseren Ort, um über diesen Begriff und den gesellschaftlichen Wandel, dem er unterliegt, zu diskutieren, gebe es da als die ehemalige Zentralwerkstatt einer dicht gemachten Zeche wie der Lohberger. Welch interessanter Auftaktredner ließe sich denken als der zurzeit so angesagte Philosoph Byung-Chul Han, Professor an der Universität der Künste in Berlin, der sich mit Verve dem Ziel verschrieben hat, die hässliche Fratze des wirtschaftlichen Neoliberalismus öffentlich zu machen.

Han tat dann genau das, was von ihm zu erwarten war und schonte dabei auch die prominenten Gäste in den ersten Reihen nicht. Bundestagspräsident Norbert Lammert musste sich anhören, dass die Politik ihre Gestaltungsmöglichkeiten längst an die ökonomischen Eliten abgetreten hat, Evonik-Chef Klaus Engel musste ein ums andere mal scharfe Attacken gegen eben diese Wirtschaftseliten über sich ergehen lassen, und auch der Intendant kam nicht ungeschoren weg. Hans Bemerkung, dass er Zweifel habe, ob die Ruhrtriennale noch ein hohes Fest der Kunst oder nur noch bloßes Event sei, provozierte Simons dann doch zu der Replik, dass sein Festival niemals nur Event werde, was schon dadurch bewiesen sei, dass an diesem Abend in Lohberg Bachs Musik gespielt werde.

Kapitalismuskritik kombiniert mit Griechenlandkrise, einige Häppchen Aristoteles, Platon, Nietzsche, Habermas und Gadamer, gewürzt mit allgemeiner Kulturkritik - "Smartphones als Infantilisierungsapparate", das "Internet als Resonanzraum isolierter Individuen" - Han traf ganz offenbar den Nerv eines überwiegenden Teils des Publikums in der gut gefüllten Halle der Zentralwerkstatt und lieferte glänzende Vorlagen für die anschließend von Bettina Böttinger moderierte Podiumsdiskussion.

In Person von Alix Faßmann, Gründerin eines "Zentrums für Karriereverweigerung" und Autorin des Buches "Arbeit ist nicht unser Leben", Garrelt Duin, nordrhein-westfälischer Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk, Professor Dr. Heinz-Josef Bontrup, Volkswirt an der Westfälischen Hochschule und Mitglied der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, Ex-Opel-Betriebsratschef Rainer Einenkel sowie Dinslakens stellvertretendem Bürgermeister Eyüp Yildiz prallten dabei ganz unterschiedliche Vorstellungen von der Arbeit, ihrer Bedeutung für den Menschen, ihrem Wert und der Art und Weise, wie sie verteilt werden sollte, aufeinander. Und dann war da auch noch die Frage nach der Rolle, die die Kunst in der gesellschaftlichen Debatte über dieses Thema spielen könne. Dazu hatte sich Yildiz bekanntlich schon im Vorfeld kritisch zu Wort gemeldet und die Frage gestellt, was denn die Kunst den Menschen in Lohberg hinterlassen werde, wenn denn das Triennale-Spektakel weitergezogen sei. Bei seiner skeptischen Grundstimmung blieb Dinslakens Vize-Bürgermeister gab aber auch Versöhnliches zu Protokoll. Yildiz hat die Hoffnung in die aufklärerische Kraft der Kunst nicht aufgegeben und hofft, dass die Ruhrtriennale diese Kraft in Lohberg entwickeln kann: "Versuchen wir das Unmögliche".

Dann machten sich die Künstler an ihre Arbeit. Von der Zentralwerkstatt ging's in die Kohlenmischhalle, in der der Boden bereitet war, für die Premiere von "Accatone".

Eine ausführliche Besprechung der Inszenierung lesen Sie am Montag im Kulturteil dieser Zeitung.

Quelle: RP
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