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Kolumne Neues Aus Der Stadtbibliothek
Scheitern als Chance: Ein autobiografischer Roman

Dinslaken. Der 1943 geborenen Schweizer Dramaturg und Schriftsteller Christian Haller greift in seinen Romanen immer wieder auf die eigene Lebens- und Familiengeschichte zurück, allem voran in seiner eindrucksvollen "Trilogie des Erinnerns" (2001 - 2006). Auch sein neuer Roman ist autobiografisch angelegt: eine atmosphärisch dichte Vergegenwärtigung der Kindheits- und Jugendjahre des Autors. Zugleich ist dies ein Entwicklungs- und Künstlerroman, der den Weg der Selbstfindung im Schreiben, in der Literatur nachzeichnet.

Die Kindheits- und Jugendjahre des Ich-Erzählers sind eine Abfolge von Außenseitererfahrungen und Krisen, die den Jungen und dann den jungen Mann in Einsamkeit und Depressionen führen. Weil er zu hohe Ansprüche an sich und an andere stellt, scheitern auch seine wenigen Versuche, einen Freund zu gewinnen oder eine Liebesbeziehung einzugehen. Dafür entdeckt er einen anderen Weg der Selbstfindung und der Selbstverwirklichung in der Kunst des Erzählens.

Am Ende dieser Lebensphase steht eine doppelte Niederlage. Der Ich-Erzähler, jetzt Mitte 20, wird von seiner Lebensgefährtin verlassen, und seine literarischen Manuskripte werden ihm von den Verlagen zurückgeschickt. Doch im Scheitern findet er endgültig seinen eigenen Lebensgrund: im Weiter-Schreiben, im Vertrauen auf sein Talent, in der Literatur. Die Rahmenhandlung des Romans, die in der Gegenwart spielt, macht noch einmal deutlich, welche Erkenntnischancen ein vermeintliches Scheitern im Leben eröffnet - wenn man nur mutig nach vorne sieht. Die Stärke dieses Romans liegt in der Eindringlichkeit und der poetischen Dichte, in der diese Kindheits- und Jugendjahre vergegenwärtigt werden, aber auch in der genauen Beobachtung und der unaufdringlichen Symbolik des Romans. Wer die unverwechselbar eigenständige Romanwelt Christian Hallers entdecken will, dem sei dieser ruhig erzählte Roman als Einstieg empfohlen.

DR. RONALD SCHNEIDER HALLER; CHRISTIAN: DIE VERBORGENEN UFER; LUCHTERHAND VERLAG: 2015.

Quelle: RP
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