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Dinslaken
So entsteht ein Buch

Dinslaken. Zum Welttag des Buches öffnete Gabriele Scholz ihre Papierwerkstatt "Papperlapapp" in Eppinghoven. Hier fertigt sie Objekte aus Papier und Pappe - und erklärte Besuchern jetzt, wie viele Arbeitsschritte es bis zum fertigen Buch braucht.

Der 23. April ist aus literarischer Sicht dreifach bedeutsam. Es ist - nach julianischem Kalender - der Todestag Shakespeares, der Todestag von Cervantes und ganz lebendig, der Welttag des Buches. Doch was macht ein Buch zum Buch? Der Inhalt? Roman, Gedichtband, wissenschaftliche Abhandlung oder eigene Notizen auf leeren Blättern? Die Form? In Zeiten von E-Books und Pdf-Dateien gewinnt das Buch als solches eine neue Bedeutung, eben weil es nicht mehr der einzige "Datenträger" für schriftlich Verfasstes in fester Form ist. Dabei ist die Buchkunst, das Handwerk der Buchgestaltung durch Typographie, Illustration und der Gestaltung durch die Buchbinderei so alt wie das Buch selbst. Am Samstag, dem Welttag des Buches, öffnete Gabriele Scholz ihre Papierwerkstatt in der Künstlerwerkstatt am Scholtenhof. Hier fertigt sie seit 2002 unter dem Namen "Papperlapapp" Objekte aus Papier und Pappe und gibt ihr Wissen weiter: Schachteln, Karten und eben Bücher, bereits bedruckt oder blanko.

Das erste, was den zahlreichen Besuchern am Welttag des Buches bewusst wird, ist, dass es "das" Buch gar nicht gibt. Japanische Bücher liest man nicht nur - aus europäischer Sicht - von hinten nach vorne, sie sind auch seitlich gebunden und brauchen ein Gelenk, um überhaupt geöffnet zu werden. Und auch in der westlichen Tradition gibt es Arten, leere oder beschriebene Seiten zu einem Ganzen zu verbinden, in Hülle und Fülle. Und das Sprichwort, man solle ein Buch nicht nach seinem Cover beurteilen, stellt sich ebenfalls als oberflächlich heraus. Bei echter Buchkunst sind Form und Inhalt aufeinander abgestimmt.

Von den Bögen bis zum fertigen Buch erklärt Gabriele Scholz die Arbeitsschritte und handwerklichen Varianten. Eine Wissenschaft für sich: Ramiebänder halten die Lagen zusammen, das Kapitelband ist eine edle Art des Staubschutzes der Innenseite des Buchrückens. Franzband bezeichnet die Art des Einbands: "das höchste der Gefühle", so Scholz. Der Buchdeckel wird direkt auf den Buchblock gearbeitet, das Beispiel in der Papierwerkstatt hat die charakteristischen erhabenen Bünde, die sich unter dem Ziegenledereinband durchdrücken. Verbreiteter ist es, Buchblock und Buchdecke getrennt zu erstellen.

In einem Nebenraum haben Kursteilnehmer eine Ausstellung zusammengestellt: Bücher mit Buchdeckeln, die mit ornamentalem venezianischen oder handgeschöpftem faserigen nepalesischen Papier bezogen sind. Ein Kursteilnehmer hat sogar Achatscheiben als Schmuck in die Deckel eingearbeitet. Skizze, Notizen, eigene Texte, Kunst oder Fotografien bündeln und präsentieren: Gründe, Bücher selber zu binden, gibt es viele. Dass man Bücher fix und fertig kauft, ist erst seit rund 120 Jahren Gang und Gebe. Vorher kaufte man den gedruckten Buchblock und ließ sich diesen nach individuellem Stil - und Geldbeutel - binden. Verlagsbindungen kamen erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf, als sich mit der Industrialisierung auch die Buchbinderei zur arbeitsteiligen Massenfabrikation entwickelte. Es war die Zeit des Historismus und die Möglichkeiten durch neue Maschinen brachten Prunkeinbände mit Prägung und Golddruck hervor.

Und heute? Das Taschenbuch als billige Alternative ohne Langlebigkeit hat sich im digitalen Zeitalter überlebt. So entsteht Platz in den Regalen für das Besondere, Schöne, Individuelle, das bibliophile Buch, vielleicht sogar, wie bei den Teilnehmern von Gabriele Scholz Buchbindekursen,von den Lesern selbst gestaltet und gebunden.

(bs)
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