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Dinslaken
Supercharge: Wie ein Auto mit Friktionsmotor

Dinslaken: Supercharge: Wie ein Auto mit Friktionsmotor
Machten vor und auf der Bühne Dampf: Tommy Schneller (r.) und Band. FOTO: Heiko Kempken
Dinslaken. Das Blues 'n' Jazz Meeting steht für Musik von höchster Qualität. Und für Musiker, die Spaß am Job haben. So wie Supercharge.

Die Herren sind eigentlich aus dem Alter heraus, dass man im Zusammenhang mit ihnen über Kinderspielzeug sprechen sollte. Aber das Bild bringt es einfach auf den Punkt: Als Ernie Albie Donelly's Supercharge als Top Act des 4. Blues 'n' Jazz Meeting im Innenhof des Walzwerks ansagte, spürte man schon die zurückgehaltene Spannung der Musiker. Und kaum war die Bühne freigegeben, sauste die Combo los wie ein Auto mit Friktionsmotor.

Ein hübsches Modell übrigens. Aus europäischer "Werkstatt", aber ganz im Stil alter amerikanischer Straßenkreuzer gehalten. Getuned mit den richtig großen, klappenbesetzten Messingrohren und angetrieben von einer so leistungsstarken Rhythmussektion, dass man froh ist, nicht tatsächlich einen Benzinverbrauch auf 100 Kilometern errechnen zu müssen.

Machten vor und auf der Bühne Dampf: Tommy Schneller (r.) und Band. FOTO: Heiko Kempken

Stattdessen setzen die Musiker von Supercharge Unmengen von Energie frei: Vor der Bühne unterm großen Fallschirm, wo getanzt wurde, weiter hinten an den Tischen, wo man zumindest mitwippte. Für den Briten Albie Donelly galt übrigens eine andere Aufteilung von vorne und hinten: Er teilt das Publikum in die "Reichen auf den teuren Plätzen vorne" und den "armen Leuten hinten". Egal, spätestens nach dem dritten "Hey everybody" singen sowieso wieder alle zusammen mit.

Richtig echter alter Boogie, Rock 'n' Roll, Rhythm 'n' Blues. Altmeister Donelly und seine Mannen verstehen ihr Handwerk, Gebläse und Rhythmus vom Feinsten. Dazu singt Donelly den Blues von der Frau, die ihm den Whiskey nicht nur in den Kaffee und in den Tee, sondern auch in den Whiskey schüttet. Nicht minder schlecht am Mikro ist übrigens Roy Herrington, der Gitarrist von Supercharge, der die Gelegenheit bekam, auch eigenes Material vorzustellen.

Und dann muss die Bluesmaschine doch mal die Raststätte anfahren. Nach einer Stunde Vollgas - es ist inzwischen nach 23.30 Uhr, bittet Jürgen "Big Jay" Wieching um eine Pause, weil's immer noch so warm ist. Supercharge spielen dann noch ein zweites Set um Mitternacht. Einen echten Kraftakt stemmten schon in den Morgenstunden Thomas Grosse und Tommy Schneller. Schneller? Ja genau der. Act der ersten Stunde beim Start des Festivals 2013. Und schon gebucht für 2017, wie es Samstagabend durchsickerte. Da waren er und alle Mitglieder seiner Band, die an dem Abend zufällig noch nichts anderes vor hatten, die Retter in der Not.

Eigentlich sollte nämlich Ben Poole auf der Bühne stehen. Gute-Laune-Blues? Schneller setzt auf tiefblauen Grund rosarote Akzente. Man schmunzelt über die gescheiterte Liebesbeziehung zur Haushaltshilfe - auf die Idee, eine saubere Wohnung mit dreckigem Sound zu besingen, muss man erst mal kommen. Schneller spricht Klartext gegen Rechts, singt den langsamen "Blues for the Ladies". Eigentlich hätte hier das Licht abgedunkelt werden müssen - aber die Abenddämmerung kann man nicht auf Knopfdruck einschalten.

Stattdessen geht Schneller vor die Bühne, richtet sein Instrumentalsolo zeilenweise an einzelne im Publikum. Das Saxophon lacht sich dabei in den Schalltrichter - ein Vollblutmusiker, durch und durch.

Der Walzwerk-Innenhof ist packevoll, Festival und Location sind bei den Dinslakenern angekommen. Schon um 19 Uhr ist das Meeting gut besucht. Es lohnt sich auch, pünktlich da zu sein. Der Duisburger Daniel Sok und seine Band eröffneten den Abend mit kantigen Bässen, spacigen Gitarren und funkigen Bläsersätzen.

Ein guter Einstieg für ein gutes Event.

(bes)
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