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Dinslaken
Tucholsky-Satire passt auch heute noch

Dinslaken: Tucholsky-Satire passt auch heute noch
Das Ensemble der Burghofbühne - Lara Christine Schmidt, Benedikt Thönes und Christoph Bahr (von links) - begeisterte das Publikum. FOTO: Joosten
Dinslaken. 80 Jahre nach seinem Tod sind seine Werke immer noch aktuell. Das bewies die Burghofbühne eindrucksvoll. Von Bettina Schack

Nein, auch ein Kurt Tucholsky hat sich in seinen Einschätzungen manchmal geirrt. Das ist menschlich, das schmälert seine scharfsinnigen Beobachtungen der Menschheit im Politischen wie im Privaten seiner Zeit keineswegs. Aber zu glauben, dass ein Mensch späterer Generationen wie der unbekannte Adressat des Jahres 1983 Tucholskys Sprache für Vergangenheit halten würde, dass er, der seinen Hut und sein Hirn ganz anders trage, den 1890 geborenen Schriftsteller, Journalisten und Satiriker für klein halte, weil jenem doch schon zu Lebzeiten "die Zeit bis zum Hals stand", da lag Tucholsky doch kräftig daneben.

Auch 125 Jahre nach seiner Geburt scheinen viele seiner Texte noch als erschreckend aktuell. Und dort, wo sie die politischen und gesellschaftlichen Missstände der Weimarer Republik themenbezogen mit aller Deutlichkeit benennen, sind sie noch immer Warnungen vor den Gefahren unserer Tage. Das freie Wort ist heute wie in Kurt Tucholskys Zeit ein Gut, das wertvoll, nicht unbedroht und oft auch rar ist.

Und wer hätte gedacht, dass die Burghofbühne, deren Ensemblemitglieder Lara Christine Schmidt, Christoph Bahr und Benedikt Thönes, die in der zwölften gemeinsamen Veranstaltung der Reihe "Musik und Lyrik im November" mit dem Förderverein Herz Jesu Kirche Oberlohberg jenen Kurt Tucholsky eine ganze Stunde widmeten, selbst in diesen Tagen davon bedroht ist, von finanziellen Erwägungen der Politik zum Verstummen gebracht zu werden?

"Hochverehrtes Publikum" richteten sich die drei Schauspieler mit den Worten von Kurt Tucholsky an die Menschen von damals und so treffend auch an die von heute in der vollbesetzten Herz-Jesu-Kirche: "Bist du wirklich so dumm?" Ist wirklich nur seichte Unterhaltung gefragt, traut sich keiner mehr klare Positionen in der Öffentlichkeit zu vertreten, weil das jemanden man verärgern könnte? "Es lastet auf der Zeit, der Fluch der Mittelmäßigkeit", zitiert Christoph Bahr Tucholsky aus einer Textauswahl, die die Fördervereinsvorsitzende Käthi Klein und die Burghofbühnendramaturgin Nadja Blank schon vor etlichen Wochen und Monaten getroffen haben.

Lara Christine Schmidt beeindruckt besonders in ihren bitteren, unerbittlichen Interpretationen vom "Deutschen Lied" und der "Roten Melodie", in der der General von den Geistern seiner toten Soldaten heimgesucht wird.

Gefochten wird allerdings nicht nur auf der Weltbühne. Und damit ist nicht die Theaterzeitschrift gemeint, die Laura Beerwerth in der Tucholsky-Biographie zu Beginn des Abends mehrfach erwähnte. Sondern auch im ganz Privaten. Und zwar wenn zum Beispiel ein Ehepaar einem Dritten einen Witz erzählen möchte. Die Drei von der Burghofbühne zeigten in diesem Drama ihr ganzes komödiantisches Talent.

Fast zum Schluss fragte Christoph Bahr mit Tucholskys Worten "Was darf Satire?" Er beantwortete die Frage schnell selbst mit einem knappen "alles" und schlug das Textbuch zu.

Es folgte zum Abschluss noch das Nachtlied "Guter Mond", ein Gemeindelied zur Orgelbegleitung. Dann endete die zwölfte "Musik und Lyrik im November". Unter welchem Stern die dreizehnte im nächsten Jahr stehen wird, ist noch nicht bekannt.

Quelle: RP
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