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Dinslaken
Türkei zwischen Verschwörungstheorien und Verunsicherung

Dinslaken. Journalist Jürgen Gottschlich sprach im Rahmen der Reihe "Krieg und Frieden" in der Stadtkirche über die Lage im Lande Erdogans.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Türkei kein Thema in den Medien ist. Aber was wissen wir tatsächlich und was glauben wir nur zu wissen? Und wie ist es, in dem Land zu leben, in dem seit dem Putschversuch vom 15. Juli der Ausnahmezustand herrscht? Jemand, der diese Fragen aus erster Hand beantworten kann, ist Jürgen Gottschlich. Am Dienstagabend gab der Journalist und Autor des gerade erschienenen Buchs "Türkei - Erdogans Griff nach der Alleinherrschaft" im Rahmen der Reihe "Krieg und Frieden" in der Evangelische Stadtkirche äußerst differenziert und sachlich Antworten auf diese Fragen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Gerhard Greiner.

"Man weiß es nicht." Auch das ist eine ehrliche, sachliche Antwort. Gottschlich gab sie an dem Abend öfters. Sein häufigstes Wort, die derzeitige Lage in der Türkei zu beschreiben, war "Verunsicherung". Eine Verunsicherung, die er nicht nur auf der Seite derer spürt, die zu der Hälfte der Bevölkerung gehören, die nicht Anhänger von Recep Tayyip Erdogans AKP sind, die in Istanbul mit dem Gedanken spielen, nach Izmir und Umgebung zu ziehen, weil dort der Lebensstil noch weltlicher ist, sondern auch in Ansetzen bei der Regierung selbst.

Sicherer in ihren Überzeugungen zeigten sich dagegen einige der Veranstaltungsbesucher in der Stadtkirche, die in der dem Vortrag folgenden Fragerunde offen aussprachen, dass sie die AKP selbst hinter dem Putsch sehen: "Verschwörungstheorien" seien das für ihn, stellte Gottschlich fest. Was die Bevölkerung verunsichere, sei das Vorgehen der Putschisten gewesen: Statt wie beim Militärputsch 1980 die Regierung nachts festzusetzen, habe man die Panzer freitags um 21.30 Uhr auf die Istanbuler Straßen geschickt: "dabei weiß jeder, dass um diese Zeit Staus sind", so Gottschlich. Scheinbare Nebensächlichkeiten. Aber solche Dinge mit in Betracht zu ziehen, bedeutet, der Realität, die nun einmal komplex ist und nicht nur durch große Pläne gestaltet wird, mit einem wachen Blick zu begegnen.

Jürgen Gottschlich beschreibt Erdogans Idee der islamisch geprägten "neuen Türkei", in der für Lehrer, die Atatürks säkulare Lehren in den Schulen verkünden, kein Platz sei, ebenso wie eine seit dem Putschversuch und dem Ausschluss der kurdischen HDP engere Zusammenarbeit mit den verbliebenen Parteien. "Erdogan sucht sich ganz offensichtlich Verbündete", so Gottschlich, was er zusammen mit der Lockerung des Besuchsverbots für den inhaftierten PKK-Führer Öcalan und der sich durch das Ausbleiben von Touristen und dem Rückzug von Anlegern verschlechternde wirtschaftliche Lage als Anzeichen gegen die Einführung einer Präsidialverfassung sieht.

Aber die AKP ist nicht allein, das Land ist zerrissen. Da ist die Gülen-Bewegung, die Erdogan für den Putschversuch verantwortlich macht. "Ist es eine Sekte? Meiner Meinung nach ja", sagt Gottschlich und später, "ich denke, dass sie daran [am Putschversuch] beteiligt war." Und da sind Kurden, nicht "die Kurden", denn die Gruppen in den vier Staaten, in denen sie leben, sind zerstritten, verfeindet. 80 .000 Menschen verloren nach dem Putschversuch ihre Stellen im Staatsdienst. Und neben der angespannten Lage im Inneren befindet sich die Türkei mit dem Einmarsch in Syrien im Krieg. Letzteres bedeute weitere Terroranschläge in der Türkei, ist Gottschlich sicher. Wohin die Türkei steuere, wisse keiner. Aber, man solle mit ihr im Gespräch bleiben - "alles andere nützt weder den Menschen in der Türkei noch den Deutschtürken hier."

(bes)
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