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Neu In Der Stadtbibliothek
Tyll und das dreißigjährige Wüten des Krieges

Dinslaken. Zwölf Jahre nach dem überraschenden Welterfolg der "Vermessung der Welt" aus dem Jahr 2005 legt Daniel Kehlmann einen historischen Roman vor, der literarisch erneut ein großer Wurf ist: "Tyll". Der Roman führt uns mitten hinein in die scheinbar weit zurückliegende Welt des Dreißigjährigen Krieges, der nur vordergründig ein Glaubenskrieg war, im Kern aber ein Ringen der europäischen Mächte um die Vorherrschaft in Europa und ein europäischer Krieg auf deutschem Boden. Dem Leser eröffnet sich eine nur scheinbar ferne Welt des Glaubens-Fundamentalismus und des wild blühenden Aberglaubens, der wissenschaftlichen Gelehrsamkeit und des Hexenwahns, des kühlen politischen Kalküls und grausamster menschlicher Brutalität. Die Ereignisse und die Schauplätze des Romans stehen dabei immer exemplarisch für die ungezügelte Machtgier und die moralische Verrohung dieser Kriegsjahrzehnte.

Miteinander verwoben werden die Menschen und Schauplätze dieses farbigen historischen Panoramas durch die Figur des Tyll Ulenspiegel, den Kehlmann aus dem Mittelalter ins 17. Jahrhundert versetzt hat und dessen fiktive Lebensgeschichte der Roman (der auch ein Schelmenroman ist) farbig erzählt. Dieser Tyll präsentiert sich dem einfachen Volk als Gaukler, den hohen Herren als Narr - und hält beiden den Spiegel vors Gesicht.

Der auch atmosphärisch dichte Roman zieht seinen Leser von Anfang an mitten hinein in das dramatische Geschehen dieser blutigen Zeit, das immer aus der Sicht der jeweils handelnden Figuren erzählt ist. Und je länger man liest, umso mehr beklemmende Parallelen drängen sich dem Leser zu unserer eigenen Gegenwart auf - wobei es der Roman kluger Weise bei Andeutungen belässt.

Ein lange nachhallendes Leseerlebnis.

RONALD SCHNEIDER

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman, Rowohlt Verlag; 2017.

Quelle: RP
 
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