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Neu In Der Stadtbibliothek
Vom Leben im Exil

Dinslaken. Irmgard Keun wurde als Schriftstellerin zu Anfang der 1930er Jahre mit zwei Bestsellern schlagartig bekannt und ging nach 1933, von den Nazis als "Asphaltliteratin" geschmäht und diskriminiert, ins Exil. Dort lebte sie einige Jahre mit Joseph Roth zusammen und schrieb mehrere eindrucksvolle Romane. Nach 1945 geriet sie fast vollkommen in Vergessenheit und wurde erst in den 1970er Jahren wiederentdeckt.

Die Neuausgabe ihres 1938 in Amsterdam veröffentlichten Exil-Romans, "Kind aller Länder", will an den Erfolg von Volker Weidermanns historischer Erzählung "Ostende. 1936" anknüpfen, die den RP-Lesern hier vor einem Jahr vorgestellt wurde und die es auf den Bestseller-Listen bis ganz nach oben gebracht hat. Die Chancen dazu stehen so schlecht nicht, denn beide Bücher vermitteln auf eindringliche Weise die existenziellen und seelischen Nöte eines Lebens im Exil. Im Mittelpunkt von "Kind aller Länder" steht die kleine Familie eines prominenten, im Exil aber verarmten Schriftstellers, die im Jahr 1938 unfreiwillig durch halb Europa reist: eine Odyssee auf der Suche nach Sicherheit und Einkünften. Der Leser erfährt aus der Perspektive der zehnjährigen Tochter des Schrifttellers die Tristesse eines Lebens in Hotels und Pensionen, immer in der Sorge, die Rechnung nicht bezahlen zu können, in der Sorge um ablaufende Visa und in Angst vor dem Vorrücken der Nazis und einem neuen Weltkrieg.

Der erzählerische Reiz des Romans liegt zum einen in der Sicht der Erwachsenenwelt mit den Augen einer Zehnjährigen und in dem eindringlichen und liebevollen Porträt des Vaters, hinter dem als historisches Vorbild Joseph Roth, der damalige Lebensgefährte Irmgard Keuns, steht. Der beeindruckende und berührende Roman kann aber auch als ein nachdenkenswerter literarischer Beitrag zur gegenwärtigen Flüchtlings- und Asylpolitik gelesen werden.

DR. RONALD SCHNEIDER

Keun, Irmgard: Kind aller Länder; Kiepenheuer & Witsch-Verlag: 2016

Quelle: RP
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