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Vom Leben in Diktaturen

Dinslaken. Christoph Hein, 1944 in Schlesien geboren, gehört seit den 1980er Jahren in Ost- wie in Westdeutschland zu den angesehensten und viel gelesenen Gegenwartsautoren. Sein jüngst erschienener Roman "Trutz" erzählt die Geschichte zweier Familien, die im 20. Jahrhundert unter das Räderwerk der europäischen Geschichte geraten. Und er entfaltet auf fast 500 Seiten zugleich ein eindrucksvolles und bedrückendes Panorama dreier europäischer Diktaturen: des Hitler-Faschismus, des Stalin-Terrors und der auf ihre Weise ebenso menschenverachtenden SED-Herrschaft in Ost-Deutschland.

Da ist Rainer Trutz, der in den 1920er Jahren aus einem vorpommerschen Dorf nach Berlin geflüchtet ist und der dort, durch glückliche Umstände begünstigt, mit zwei Romanen zu einem erfolgreichen Schriftsteller wird. 1933 allerdings gehört er zu den von den Nazis verfemten "Asphaltliteraten" und muss um sein Leben fürchten. Dank eines Visums gelangt er mit seiner Frau Gudrun in die Sowjetunion, verliert hier aber sehr rasch seine Illusionen über das "Arbeiter-Paradies". Rainer muss in einer internationalen Brigade Knochenarbeit für den Bau der Moskauer Metro verrichten, Gudrun arbeitet in einer Fabrik. Als die Zeit der großen Säuberungen anbricht, wird Rainer denunziert, zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt und dort ermordet.

Seine Frau und ihr junger Sohn Maykl landen in einem Arbeitslager im Ural. Nach dem Tod der Mutter wird Maykl 1952 als Waise in die DDR geschickt, wo er später als Archivar arbeiten wird.

Mit der Geschichte der deutschen Familie Trutz eng verwoben ist die Geschichte der Familie des Moskauer Linguistik-Professors Waldemar Gejm, der sich als Wissenschaftler dem methodischen Gedächtnistraining verschrieben hat. Beide Familien sind in Moskau miteinander befreundet, und beider Söhne unterrichtet der Professor ganz privat in Gedächtnistechnik.

Als die Gejms 1951 alle Schrecken des Krieges und des Terrors überstanden zu haben glaubten, landet der Professor überraschend im sibirischen Straflager, wo er den Strapazen des Gulag-Lebens erliegt. Wie in dieser Familienchronik die grausame Willkür der Diktaturen des 20. Jahrhunderts in dem Erleben seiner Protagonisten gespiegelt ist und wie der Roman historische Zäsuren, zum Beispiel den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939, in dramatische Konfliktsituationen seiner Figuren ummünzt, ist erzählerisch eindrucksvoll realisiert und fern von allem Lehrbuchhaften (wie es einige Kritiker dem Roman vorwerfen).

Ein packendes Familienepos und eine erschütternde Jahrhundertchronik, aus der man viel lernen kann - unter anderem, dass ein präzis arbeitendes Gedächtnis alles andere als hilfreich ist, um in den Wirren der Geschichte erfolgreich zu überleben.

DR. RONALD SCHNEIDER

Hein, Christoph: "Trutz". Roman; Suhrkamp-Verlag: 2017.

Quelle: RP
 
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