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Von Buddha und falschen Heilsbringern

Dinslaken. Marcus Braun, Geburtsjahr 1971, gilt seit dem Erscheinen seines ersten Romans "Delhi" 1999 als großes literarisches Talent. Sein nunmehr fünfter Roman ist ein Politthriller, der in die exotische Welt des tibetischen Buddhismus führt und damit mitten hinein in die Konflikte zwischen Tibet und China. Dabei ist der Handlungskern des Romans historisch verbürgt, viele Personen und Ereignisse darum herum aber rein fiktiv.

Nach dem Tod des 10. Panchen Lama 1989, des nach dem Dalai Lama zweithöchsten geistlichen Würdenträgers des tibetischen Buddhismus, spüren tibetische Mönche einen kleinen Jungen auf, in dem sie die Wiedergeburt eines tibetischen Abtes aus dem 17. Jahrhundert zu erkennen glauben. Dieser 11. Panschen Lama wird auch vom Dalai Lama anerkannt - was die chinesische Regierung sofort veranlasst, diesen Jungen mitsamt seinen Eltern verschwinden zu lassen und durch einen Sohn linientreuer Kommunisten zu ersetzen.

20 Jahre später erfährt Jonathan, ein junger Amerikaner tibetischer Herkunft, von einem Journalisten, dass er der wahre Panchen Lama sei. Jonathan, in den USA adoptiert und aufgewachsen, ist leidenschaftlicher Surfer und noch auf der Suche nach der eigenen Identität. Trotz seiner US-amerikanischen Prägung nimmt er erstaunlich rasch die neue Rolle an und entwickelt ein religiöses Sendungsbewusstsein. Er durchläuft eine buddhistische Ausbildung und begegnet dem Dalai Lama - der ihm gegenüber allerdings reserviert und skeptisch bleibt. Der Leser lernt auch den von Peking eingesetzten "falschen" Panschen Lama kennen und erlebt, wie die Würde und Macht des Amtes den jungen Mann verändert hat: Aus der Marionette Pekings wurde ein Kritiker der chinesischen Tibet-Politik. Dieser amtierende Panschen Lama lädt Jonathan, seinen "Konkurrenten" um das Amt, nach Hongkong ein, wo die beiden um die Legitimität ihrer Ansprüche streiten - ein dramatisches Finale, dessen Ausgang hier nicht verraten werden soll.

Marcus Braun erzählt diese abenteuerliche Geschichte, in der es auch um das Aufeinander-Treffen verschiedener Kulturen geht, mit viel Sinn für Ironie und Humor. Und er lässt seine Protagonisten immer wieder in Situationen geraten, in denen ihr Verhalten in groteskem Widerspruch steht zu den ganz anderen Verhaltensweisen und Verhaltenserwartungen ihres Gegenübers.

Thematisch geht es in diesem spannend zu lesenden Tibet-Roman nicht nur um die Verführbarkeit des Menschen durch die Macht, sondern auch um die Gefahren kultureller und religiöser Borniertheit. Den falschen Heilsbringern stellt der Roman den wahren Buddha gegenüber, dessen berühmtes Lächeln ein Ausdruck ist für das Wissen um die unaufhebbare Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit der Welt.

RONALD SCHNEIDER

Braun, Marcus: Der letzte Budhha. Roman; Hanser Berlin: 2017.

Quelle: RP
 
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