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Dinslaken
Von Diven, Cowboys und schrägen Vögeln

Dinslaken. Gianna Nannini, Herbert Knebel, Manfred Mann, Simple Minds, Götz Alsmann, die Leningrad Cowboys oder Ritchie Blackmore - viele Stars sind in der Dinslakener Stadthalle und im Burgtheater aufgetreten. Jörg Springer erinnert sich. Von Anja Hasenjürgen

Die Stars haben sich in den 50er und 60er Jahren in Dinslaken nicht wirklich die Klinke in die Hand gegeben. Konrad Adenauer hat die Zeche besucht, Otto Hahn das nach im benannte Gymnasium - aber im kulturellen Bereich? Nun ja. Es gab ja auch keinen adäquaten Veranstaltungsort. Das änderte sich 1973 mit der Eröffnung der Stadthalle - zumindest baulicherseits. Die neue Halle hatte sogar Einzelkabinen für Stars. Sogar mit Dusche! Und irgendwann kamen sie auch, die Stars - nach Dinslaken!

"Dins-... was?!?" Diese und ähnliche Antworten musste sich Jörg Springer, ab 1994 Pächter der Stadthalle und heute Din-Event-Manager, anfangs häufiger gefallen lassen, als er die ersten bekannteren Musiker und Entertainer anfragte. Düsseldorf kannte man, Oberhausen vielleicht noch - aber Dinslaken? Der Kabarettist Gerd Dudenhöffer und Entertainer Jürgen von der Lippe spielten schließlich "Türöffner" - es folgten Stars wie Herbert Knebel, Manfred Mann, Simple Minds, Xavier Naidoo, Götz Alsmann, die Leningrad Cowboys oder Ritchie Blackmore. Sie alle traten in Burgtheater oder Stadthalle auf - die Jörg Springer als Einheit begriff, sie alle nutzten die Garderoben der Stadthalle.

Nur Ingo Appelt nicht. Der sollte Anfang der 90er im Foyer auftreten - den großen Saal hätte der Nachwuchskünstler nicht gefüllt. Das Foyer füllte sich, der Künstler kam und kam nicht. "Das ist ja das Schlimmste, wenn man den Gästen sagen muss, dass die Veranstaltung ausfällt", erinnert sich Springer an eine bange halbe Stunde, in der er sich "den Text schon zurechtgelegt" hatte. Wenige Minuten vor dem Auftritt spazierte Appelt mit der Tasche direkt aus der Tiefgarage auf die Bühne.

Für andere war die Garderobe Wohnzimmer-Ersatz. Jürgen von der Lippe spielte hier mit seinen Kollegen Karten oder klimperte auf der Gitarre, nur so, zum Spaß, erinnert sich Springer. Überhaupt hat den 62-Jährigen von der Lippes Professionalität nachhaltig beeindruckt: "Wie das Timing für jeden Gag sitzt, einfach klasse!" Auch Hanns-Dieter Hüsch hat einen tiefen Eindruck hinterlassen, als er kurz vor seinem Tod hier war, ebenso Dieter Hildebrandt: Wo andere Stars ausführliche Bühnen- und Garderobenanweisungen schreiben, hatte der große Kabarettist nur einen Wunsch: Der Veranstalter möge "nach der Veranstaltung gemeinsam mit ihm eine Mahlzeit einnehmen", erinnert sich Springer. Es wurde ein langer und wundervoller Abend, an dem sich auch im Privaten bestätigte, dass Dieter Hildebrandt "ein glänzender Unterhalter" war, so Springer, und ein bescheidener und zutiefst sympathischer Mensch außerdem. Die Leningrad Cowboys machten, bevor sie die Garderobe der Stadthalle enterten, die Schwestern des Vinzenz-Hospitals wuschig, weil der Gitarrist gestürzt war und vor dem Auftritt im Burgtheater einen Gips brauchte. Abends sangen die schrägen Jungs auf der Geburtstagsfeier einer 80-jährigen Voerderin im Hotel ein spontanes Ständchen.

Die Manfred Mann's Earth Band reiste schon zwei Tage vor ihrem ersten Auftritt in Dinslaken an. Die Truppe war für ein Open-Air-Festival in den Niederlanden gebucht, nutzten Dinslaken als Basis und wollten, bitteschön, mal eben in die Niederlande gefahren werden. Kein Problem, der Stadthallenchef chauffierte die Truppe. Und beim nächsten Auftritt in Dinslaken brachte Noel McCalla, Sänger der Manfred Mann's Earth Band, gleich seine Kinder mit. "Die waren dann im ND-Jugendheim töpfern", erinnert sich Jörg Springer. Nach einer gemeinsamen Radtour saßen die Musiker dann abends auf der Terrasse im Biergarten der Stadthalle.

Dort stieg 1996 übrigens auch das 1. "Funtastival" in Dinslaken - genau, mit "u". Das Werbeplakat, wie viele andere auch, ziert das Treppenhaus der Halle. Springer hofft, dass er diese Galerie irgendwie retten kann - ebenso wie die vielen Fotos und Widmungen der Stars, die im Restaurant hängen - einige auch mehrfach, mit ein paar Jahren Abstand. Denn ebenso wie Manfred Mann's Earth Band kamen viele Stars gerne wieder. Gerd Dudenhöffer etwa. Er bat für die Garderobe um einen "80 mal 80 Zentimeter großen Tisch aus hellem Holz mit einer Tischdecke ohne Stickerei, einer Vase mit frischen Blumen, einem zweiflammigen Messingleuchter mit weißen Kerzen" und um einen bestimmten Pfälzer Wein. Abends aß der Kabarettist noch im Restaurant der Stadthalle - und bekam dort so guten Wein serviert, dass er noch eine Flasche mitnahm. Und gerne zurückkehrte. Auch Wilfried Schmickler war noch einmal da, kurz bevor die Stadthalle dicht machte. Dies sei, so sagte er, seine Lieblingshalle. Aber vermutlich nicht mehr wegen, sondern trotz der Garderobe.

Quelle: RP
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