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Kraft zu Besuch in Dinslaken
Von Herzen, Hannelore

Hannelore Kraft besucht Dinslaken
Hannelore Kraft besucht Dinslaken FOTO: Jana Bauch
Dinslaken. Die Frau mit zu wenig Rente, der Mann ohne Job: Das Szenario in Dinslakens Neutor-Galerie war wie gemalt für einen Wahlkampfauftritt von Hannelore Kraft. Die Ministerpräsidentin grüßt das Volk per Handschlag: "Na, wie geht's?" Von Henning Rasche

Hannelore Kraft braucht ein paar Herzen. "Hat noch jemand welche?", fragt sie, dreht ihren Kopf nach hinten und legt die Stirn in Falten. Als müsse sie einen Beleg für die Dringlichkeit ihrer Bitte liefern. Ein Juso reicht der Ministerpräsidentin neun, zehn Herzen, kein Problem. Minzbonbons sind in den Herzdosen, und Kraft schenkt jedem, der ihr in der Neutor-Galerie über den Weg läuft, ein Herz. "Wir wollten Sie an die Landtagswahl erinnern", sagt sie. Oder: "Ich bin Hannelore Kraft, Ihre Ministerpräsidentin." Ach, ja, echt wahr?

Echt wahr. Pünktlich um 16 Uhr betritt die Sozialdemokratin das Einkaufszentrum. Sie wolle sich über die Innenstadtentwicklung Dinslakens informieren, hieß es vorab. Exakt eine Stunde später, als ihr Tross auf eine baldige Abreise drängt, lässt sich sagen, es ging um wirklich alles, aber nicht um die Entwicklung der Innenstadt. Die Menschen, die Kraft trifft, erzählen ihr von ihrem Leben, von Schicksalen, von ihrer Rente, ihrem Job, und der 102 Jahre alten Mutter, die gepflegt werden muss. Kraft bekommt, wer hätte das gedacht, das wahre Leben zu spüren.

Fotos: Die Spitzenkandidaten bei der NRW-Landtagswahl FOTO: dpa, wok mhe soe

Auf einem provisorischen Podium, links der obligatorische SPD-Schirm, rechts die auf ein Kraft-Plakat geklebte Ankündigung "Heute, 16 Uhr", tauscht sie ein paar Sätze mit dem Landtagsabgeordneten Stefan Zimkeit aus. So viele Menschen in Arbeit wie noch nie, mehr Polizisten, kostenfreie Bildung, auch die Kita, oder mehr sozialer Wohnungsbau - es ist für alle etwas dabei. Zwei Jugendliche, die sich dem Geschehen eher zaghaft nähern, fragen: "Muss man die kennen?" Und als Kraft schnelles Internet für alle verspricht, sagt das Mädchen: "Ja, Internet", klatscht, und: "Mach schnell ein Foto."

Der Kalender im Wahlkampf ist streng. Kraft war bereits auf einem Bio-Bauernhof in Essen, in Witten und in Dortmund, am Abend steht noch eine Diskussion in Recklinghausen auf dem Plan. Kraft wirkt indes nicht müde, nicht abgekämpft. Wenn jemand etwas fragt, reagiert sie sofort. Spitzer Mund, zusammengekniffene Augen bedeuten Ablehnung, hochgezogene Augenbrauen und ein Lächeln Zustimmung. "Frau Merkel ruht sich auf der Agenda 2010 aus", warnt eine Frau. Kraft lacht, beruhigt sie, Handschlag, herzliche Umarmung, man ist sich einig, die Seniorin wird SPD wählen, beide Stimmen.

Ursprünglich sollte die Ministerpräsidentin noch über Neustraße und Duisburger Straße bis zum Altmarkt laufen. Doch dafür ist die Zeit zu knapp. Hannelore Kraft kommt kaum voran, überall wartet eine Frage, ein Anliegen, eine Bitte. Die beiden Dinslakener Polizisten, die aufpassen, begrüßt Kraft mit Handschlag, auch die Angestellte hinter dem Serviceschalter bekommt eine Hand und eine Herzdose: "Na, wie geht's?"

Und die Menschen antworten auf ihre Frage, und zwar ehrlich. "Die Rente ist knapp, das ist doch ungerecht", sagt jemand. "Was genau ist ungerecht", fragt Kraft. "Na, dass es so wenig ist." Kraft: "Sie haben so spät angefangen mit dem Arbeiten, dann müssen Sie sich jetzt was beiseite legen." Wenn jemand mit einem konkreten Problem zu ihr kommt, delegiert sie an Zimkeit oder Bürgermeister Michael Heidinger weiter. Die kümmern sich, sagt Hannelore Kraft. Drei Schüler, 16 Jahre, nicht wahlberechtigt, fragt sie: "Was sagt ihr denn zum Brexit?" Der Junge antwortet: "Gar nix."

Kraft will eine Kümmererin sein. Sie geht auf Menschen zu, beginnt ein Gespräch, hört zu, wartet ab, antwortet, sagt "dat" und "wat". Das schafft irgendeine Form von Vertrauen. Herzen erobern kann sie, die Ministerpräsidentin. Herzen verteilen auch.

Quelle: RP
 
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