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Dinslaken
Waldorf-Schüler malen Menschenbilder

Dinslaken. Bei der 24. Bundesschülerratstagung in Dinslaken ging es um die Flüchtlingsthematik und rechte Parteien. Von Bettina Schack

Die meisten von ihnen dürfen noch nicht wählen, aber sie sind politisch ebenso interessiert wie gesellschaftlich engagiert. Und sie stellen Fragen und suchen nach Antworten: Wer bestimmt unsere Menschenbilder in der Politik und in den Medien? Wie offen lassen wir Vielfalt zu, wo ziehen wir Grenzen und wie entdecken wir, wo Meinungen und Sichtweisen plakativ übermalen oder doch Wahrheiten enthüllen? Zum 24. Mal tagten Mitglieder der Schülerverwaltungen von Waldorf-Schulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, um sich über schulische Fragen und auch ein gesellschaftspolitisches Thema auszutauschen, zum ersten Mal fand die Bundesschülerratstagung in Dinslaken statt. Rund 150 Jugendliche trafen sich drei Tage lang, um zu diskutieren, Fachvorträgen zuzuhören und ein künstlerisches Abendprogramm auf die Beine zu stellen. Im Vordergrund stand die Frage "Wer malt unsere Menschenbilder?" Der Hintergrund: Die Flüchtlingsthematik des letzten Jahres und das Erstarken der AfD.

Sieben Mitglieder sind im Vorstand des Bundesschülerrats tätig, zwei von ihnen besuchen die Freie Waldorfschule in Dinslaken. "Deshalb findet die Tagung erstmalig hier statt", erklärt Till Höffner. Das Programm ist eng gesteckt, zu den Themen gehören die Konzeption von Fragebögen zur Verbesserung des Unterrichts im konstruktiven Austausch mit den Lehrern ebenso wie Fachvorträge, die weit über die Kerngebiete einer Schüler-SV hinaus gehen. Am Sonntagmorgen, dem letzten Tag der Tagung, spricht der ukrainische Journalist Victor Timtschenko als Gastredner über seine Arbeit zwischen Recherche und Meinung in politisch unübersichtlicher Lage. "Ich sammle Teilwahrheiten zusammen", erklärt er. "Ob ich am Ende die Wahrheit habe, weiß ich nicht". Timtschenko spricht über Tendenzen in der Berichterstattung, weist auf Details wie Färbungen und Wertungen durch adjektive in Artikeln hin. Welche Ausbildung man brauche, um eine nicht-konforme Berichterstattung leisten zu können, möchte eine Schülerin von dem Journalisten, der sechs Jahre für die Deutsche Welle in der Ukraine tätig war, wissen. "Nicht-konforme Berichterstattung hat nichts mit Ausbildung zu tun, sondern mit Rückgrat", lautet seine Antwort. Zugleich fordert er mehr Journalisten, mehr Manpower und Zeit für Recherche.

Rollenspiele auch in der Gruppe von Isabel Antrobus-Thorweihe aus Heidelberg. Hier stehen sich die Befürworter einer offenen Flüchtlingspolitik und Vertreter des rechten Randes gegenüber. Deren Stammtischparolen sind deftig, rufen in der ganzen Gruppe entsetztes Lachen hervor. "Ich selber könnte nicht nachvollziehen, was ich gerade gesagt habe", bemerkt der Jugendliche, der die härtesten Sprüche beigetragen hat. In Inhalt und Wortwahl beider - gespielter - Seiten wird deutlich, wie genau die Jugendlichen in den letzten Monaten die Veränderung der Gesellschaft verfolgt haben. Wie sie Klischees in Filmen wie "Fack ju Göhte" ebenso kritisch hinterfragen wie fehlende oder zur Schau gestellte Vielfalt menschlichen Daseins. Und wie sie sich Gedanken über die Zukunft machen. "Der Zuwachs der AfD kann kein Grund sein, sie zu verbieten", so Isabel Antrobus-Thorweihe, "aber es ist ein Grund, sich Sorgen zu machen".

Und trotzdem: "Ohne Negatives kann man nichts Positives verdeutlichen", erklärt ein Schüler. Die Gruppe gibt ihm im Appell, allen Positionen in der Gesellschaft ein Forum zu geben, recht. Denn auch die etablierten Meinungen, ob von öffentlich-rechtlichen Medien vertreten oder von Schule und Elternhaus geprägt, werden hinterfragt.

Parteien des rechten Spektrums sind auch Themen im Arbeitskreis Einbildung und Propaganda. Die Schülerinnen und Schüler analysieren die Geschichtsschreibung. "Das Böse kommt stets aus dem Osten, das ist selbst in Russland so", sinniert ein Schüler und stellt die Frage nach dem Verhältnis Chinas zu den USA: "Die Welt ist rund: das Feindbilddenken dreht sich im Kreis". Was denkt man selber? Die Prägung erfolge durch das Elternhaus, in gewisser Weise auch durch die Erziehung in der Schule, so die Einschätzung in dieser Gruppe.

Auffallend, was nicht gesagt wird: Institutionen von der Verfassung bis zu UN und Menschenrechtskonventionen spielen als gemeinsame Basis oder als Richtlinien im Meinungswald subjektiver Stimmungsbildermacher in den hellwachen Diskussionen der Schülerinnen und Schüler keine Rolle.

Quelle: RP
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