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Kolumne Neu In Der Stadtbibliothek
Wie man Max Frisch auf den Leib rückt

Dinslaken. Der 1991 verstorbene Schweizer Schriftsteller Max Frisch war schon zu seinen Lebzeiten ein moderner Klassiker und wird auch heute noch gerne und viel gelesen. Der jetzt aus seinem Nachlass herausgegebene Band stellt die aus heutiger Sicht wichtigsten und aufschlussreichsten Interviews und Gespräche mit ihm zusammen, von denen einige zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Frisch hasste bekanntlich Festlegungen, Stereotypen und Klischees als "Tod alles Lebendigen". Daher suchte er auch in Interviews und Gesprächen, für die er sich viel Zeit nahm, immer einen neuen Zugang zu den ihn bewegenden existentiellen Fragen und zu seiner eigenen Schriftstellerexistenz. Die 14 Gespräche des Bandes stammen aus den Jahren 1959 bis 1989 und lassen sich in ihrer chronologischen Abfolge auch als Skizze zu einer intellektuellen Biografie des Schweizer Schriftstellers lesen.

Die Themen sind sehr vielseitig und von ungebrochener Aktualität. So plädiert Frisch zum Beispiel sehr eindringlich für die Notwendigkeit von Utopien für das politische wie das persönliche Leben als "Magnet" für unseren inneren Kompass: die Vernunft. In einem anderen Gespräch plädiert er angesichts der Politisierung der späten 1960er Jahre für eine "Reprivatisierung" der Literatur oder er analysiert - hochaktuell -die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Hasses, die allesamt Verdummung und Gewaltbereitschaft nach sich ziehen. Und natürlich beleuchtet er auch die die großen Themen seiner Bücher aus immer neuem Blickwinkel: Identität und Rolle, die Beziehung zwischen den Geschlechtern, Bild und Fiktion, Altern und Tod. Liest man die Interviews und Gespräche heute im Zusammenhang, dann erstaunt die Genauigkeit des literarischen Urteils und die politische Hellsichtigkeit Frischs. Beeindruckend und lesenswert sind aber auch seine klugen Selbst-Interpretationen, die eine Brücke zu seinen Büchern schlagen und in denen auch Frisch-Kenner neue Einsichten und Formulierungen finden weden.

Ein zum Verständnis der Texte hilfreicher Kommentar rundet den gut lesbaren Band ab, der Lust macht auf die Wieder-Begegnung mit den literarischen Texten Max Frischs. Für die Fans des Schweizer Autors ein Muss!

DR. RONALD SCHNEIDER

Frisch, Max: "Wie sie mir auf den Leib rücken!" Interviews und Gespräche; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017.

Quelle: RP
 
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