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Dinslaken
Wilde Kreaturen

Dinslaken: Wilde Kreaturen
FOTO: Heiko Kempken
Dinslaken. Im letzten Abokonzert der Jazz Initiative in dieser Saison griff Solosaxofonist André Meisner in die digitale Trickkiste. Das Angelika Niescier Trio jagte das Publikum in atemberaubender Geschwindigkeit durch Gegenwart und Vergangenheit. Von Bettina Schack

Schläge wie von schweren Metallplatten, ein Wimmern und flackernde Lichtreflexe auf der Leinwand. Für den ersten Moment fühlte man sich beim Doppelkonzert der Jazz Initiative am Sonntagabend noch einmal in die Premiere von "1984" am Freitag zurückversetzt. Doch diese dunkle Assoziation hielt nur wenige Takte. Dann war die "Geburt" der "Kreatur" vollbracht und das schöpferische Werk von Saxofonist André Meisner entwickelte sich mit Hilfe ausgeklügelter Technik zu einem stilistisch vielseitigen Jazz-Set an der Schnittstelle zwischen handgemachter und elektronischer Musik, zwischen Funk, Oriental, Rock und Clubbeats.

Die Bilder zum Multimedia-Projekt "Kreatur" wurden ebenfalls live im Saal erzeugt. Das Visualitätenkabinett Erika aka Sven Feller und Ralf Schorneck schnitten im Saal digital verfremdete Bilder in schnelle Videoclips passend zur Performance des Solosaxofonisten.

Wie kann das sein, dass ein Mann allein auf der Bühne steht, in sein Saxofon bläst, hinein atmet, auf dass Messing trommelt und man hört eine komplette Band mit Bass, Schlagzeug, E-Gitarre und jeder Menge elektronischer Sounds? André Meisner erklärte die Technik, die auf der Bühne zum Einsatz kam, in den Details: Ein Harmonizer veränderte die Tonhöhe des Saxophons und wandelte die Melodien des einstimmigen Instruments in Akkordfolgen um, im Computer wurden die Sounds verändert und Schleifen aus live eingespielten Frequenzen gebildet und abgerufen.

Das Ergebnis dieser Ein-Mann-Show vor der bühnenfüllenden Leinwand war zeitgemäße Clubmusik mit druckvollen, treibenden Beats und Sounds, die Meisner in immer neue Stilrichtungen katapultierte. Für "Homunculus" zitierte er ein skurriles Rezept von Paracelsus. Auf der Bühne bot André Meisner die Alchemie des 21. Jahrhunderts.

Johannes Hermens, Vorsitzender der Jazz Initiative, moderierte das letzte Abokonzert der Saison für die Gäste aus Agen im Publikum zweisprachig in Deutsch und Französisch. Die polnisch-stämmige Angelika Niescier sprach auf der Bühne mit ihren italienischen Trio-Partnern Englisch. Erst im Februar hat die Saxofonistin mit dem Akkordeonisten Simone Zanchini und Stefano Senni (Kontrabass) das vielbeachtete Album "Now" veröffentlicht, im Ledigenheim beendete das Trio die begleitende Tour.

Die Drei teilen nicht nur ihre technische Versiertheit auf ihren jeweiligen Instrumenten. Die Kompositionen von Niescier und Zanchini leben von der Verfremdung des Vertrauten, dem Zersplittern von Strukturen und ineinander verschobenen Ausschichtungen tonalen Materials. "'Now' behandelt die komplexen Ebenen des Jetzt", erklärt Niescier das lebhafte, unruhige Titelstück des Albums, sein Gegenstück, das in die Vergangenheit blickende "Then" wird zur entschleunigten Reflexion, zum leisen, sich stetig wiederholenden Erinnern.

Ist Musik nur Schall und Rauch? Der passionierte Pfeifenraucher Zanchini spielt mit solchen Gedanken, wenn er türkischen Tabak durch Bebop mit orientalischen Wendungen in Klänge aufgehen lässt.

Quelle: RP
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