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Unsere Woche
Wir müssen die Willkommenskultur verteidigen

Dinslaken. Warum es völliger Unsinn ist, Geflüchtete unter Generalverdacht zu stellen und warum es uns unsere Freiheit wert sein sollte, mit einem gewissen Risiko zu leben.

Was für ein aufregender Tag - der Mittwoch dieser Woche. Polizeieinsatz an der Flüchtlingsunterkunft Fliehburg in Dinslaken. Die Beamten nehmen drei Terrorverdächtige fest. Am Abend dann Großeinsatz im Kreis Wesel. Die Polizisten nehmen unter anderem Rockertreffs ins Visier. Was ist bloß los in diesem Land, möchte man fragen. Sind wir eigentlich vor nichts und niemandem mehr sicher? Aber Vorsicht! Man kann die Ereignisse am Mittwoch auch ganz anders deuten. Als Signal nämlich, dass wir uns trotz aller Bedrohungen immer noch recht sicher fühlen dürfen, weil die Sicherheitsbehörden über uns wachen, weil sie nicht wegsehen, sondern weil sie hingucken, kurzum: weil sie ihre Arbeit tun, unaufgeregt mit Sachkenntnis, Augenmaß und Einsatzwillen. Das gilt - bei allem Anlass zu kritischen Nachfragen - auch und gerade in diesen Zeiten, da der Terror manchem so allgegenwärtig erscheinen mag. Terror macht Angst. Das ist es, was Terroristen wollen. Und deswegen spielen all die, die sich in Angst und Schrecken versetzen lassen, das Spiel der Terroristen. Und die, die meinen, jetzt allen Fremden, die unter uns leben, in diesem Land Schutz und Sicherheit erhoffen, mit Misstrauen begegnen zu müssen, machen aus Opfern des Terrorismus nur wieder erneut Opfer. Dies festzustellen, heißt nicht, Probleme oder Gefahren kleinzureden. Ja, es gibt auch unter Flüchtlingen Kriminelle. Ja, es gibt auch unter ihnen verblendete Dumpfköpfe, die glauben, im Namen Allahs oder in wessen Namen auch immer, Menschen drangsalieren und töten zu dürfen. Gegen die müssen wir uns wehren. Mit aller Konsequenz. Mit den Mitteln unseres Rechtsstaates. Auf der Grundlage unserer Wertvorstellungen. Aber eben nicht, indem wir die Regeln dieses Rechtsstaates aufgeben oder unsere Werte vergessen. Und deswegen ist es gut und richtig, dass Dinslakens Erste Beigeordnete gestern noch einmal eindringlich darauf hingewiesen hat, welch große Bedeutung die Willkommenskultur in dieser Stadt hat und dass die Dinslakener diese doch bewahren sollten. Es gibt in der Tat keinen Anlass, sie in Frage zu stellen, und es wäre völliger Unfug, alle Geflüchteten unter Generalverdacht zu stellen. Die allermeisten von ihnen haben ihr Land doch nicht freiwillig und gern verlassen, sondern weil sie Schutz und Sicherheit suchen - und Freiheit. Die Freiheit, die in diesem Land offenbar viele aufzugeben bereit sind, weil sie sich vor dem Terror ängstigen. Wer aber bereit ist, seine Freiheit aufzugeben, der könnte möglicherweise schon bald selber Opfer sein. Das zumindest sollte uns doch die Geschichte gerade unseres Landes gelehrt haben. Freiheit und das Bedürfnis nach absoluter Sicherheit, die es doch ohnehin nicht geben kann, passen nun einmal nicht zusammen. Das ist das Restrisiko, das freie Menschen tragen müssen - ohne Angst, aber mit Wachsamkeit, Ruhe und Besonnenheit. Und auch mit Vertrauen in die Sicherheitsbehörden, die uns sicher nicht vor allem schützen können, die aber ihre Arbeit tun.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.

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Quelle: RP
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