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Neu In Der Stadtbibliothek
Wissenschaft ohne ethische Richtschnur

Dinslaken. Der von der Kritik geschätzte und seit langem auch beim deutschen Lesepublikum erfolgreiche Schriftsteller Uwe Timm (geb. 1940) wurde hier schon mit seinem facettenreichen Roman "Vogelweide" (2013) vorgestellt. Sein jüngster Roman, "Ikarien", der es sofort auf einen Bestseller-Platz geschafft hat, arbeitet ein Kapitel der NS-Herrschaft in Deutschland auf, das sonst eher am Rande abgehandelt wird: die Euthanasie. Und er spiegelt in dieser Thematik zugleich die ethischen Probleme der gentechnischen Forschungen und Experimente von heute.

Im Mittelpunkt des Romans steht einerseits die historische Figur des Arztes Dr. Alfred Ploetz (1860-1940), der mit seinen rassehygienischen Theorien der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" im NS-Staat geistig den Boden bereitete, andererseits der amerikanische Offizier deutscher Abstammung Michael Hansen, der im Frühjahr 1945 mit dem Auftrag nach München kommt, die Verantwortung des 1940 gestorbenen Dr. Ploetz für die Euthanasie-Morde nachzuweisen.

Bei seinen Ermittlungen stößt Hansen auf einen über 80-jährigen Weggefährten und früheren Freund des Arztes, von dem er in 14 Befragungen nach und nach nicht nur die erstaunliche Lebensgeschichte dieses Dr. Ploetz kennen lernt, sondern auch viel über die geistigen Wurzeln des biologistischen und rassistischen Denkens im 19. und 20. Jahrhundert erfährt.

Damit gelingt es Timm, das Thema der Rassenbiologie (mit vielen Anspielungen auf die moderne Genetik) zum Ausgangspunkt einer faszinierenden Zeitreise durch die deutsche Geschichte zu machen, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins Jahr 1945 reicht. Das ist souverän erzählt und fesselnd zu lesen und überdies ein nachdenkenswerter Beitrag zu allen Schönheitskorrekturen und Erbgutmanipulationen, aber auch zum Gleichheitsideal der "Political Correctness".

DR. RONALD SCHNEIDER

Timm, Uwe: Ikarien; Kiepenheuer & Witsch Verlag: 2017.

Quelle: RP
 
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