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Dormagen
Als im Pletschbach noch geschwommen wurde

Dormagen: Als im Pletschbach noch geschwommen wurde
Michael Stevens an der Stelle, wo einstmals der Pletschbach Wasser führte. Wie hoch, zeigt der Biologe mit der Messlatte. FOTO: Lothar Berns
Dormagen. Morgen ist der Internationale Tag der Flüsse. Ein Datum, an dem der Schutz der Gewässer im Blickpunkt steht. Wir haben uns einmal auf die Suche nach Gewässern gemacht, die es heute nicht mehr gibt. Von Klaus D. Schumilas

Ein paar Steinwürfe entfernt treten die Kicker des FC Delhoven gegen die Lederkugel. Dort aber, wo Michael Stevens steht, in einer Mulde, lässt sich das Rad der Geschichte zurückdrehen in eine Zeit, wo es an dieser Stelle Wasser gab und der Biologe und Geschäftsführer der Biologischen Station in Knechtsteden bis zur Brust eintauchen würde. Das ist sehr lange her. Vor gut zweihundert Jahren war es Napoleon, der die Anweisung gab, Sümpfe am Niederrhein trocken zu legen, um das Gebiet für die Forstwirtschaft und für Ackerbau nutzbar zu machen. Auch das Gebiet rund um Knechtsteden. Später sorgte der Braunkohleabbau dafür, dass es zunehmend trockener wurde und aus dem Pletschbach nur noch eine trockene Rinne wurde.

Der Rhein als mächtiger Strom wirkte über Jahrhunderte auch weit nach Osten. Michael Stevens erzählt: "Durch Hochwasser verlagerte er häufig sein Bett. So führte der Rhein im Mittelalter südlich an Zons vorbei, war das Haus Bürgel linksrheinisch. Das gesamte Gebiet war ein großer, weiter Sumpf." In der Zeit der Germanen mussten die Menschen auch mit Malaria kämpfen, die Krankheit breitete sich angesichts idealer Bedingungen aus. Das Kloster war damals, erzählt Stevens, von drei Seiten von Sümpfen umgeben und war so ein guter Schutz vor Raubrittern. Lastkähne konnten Baumaterialien für das Kloster auf diesem feuchten Weg bis auf wenige Meter ans Ziel bringen.

Viele alte Dormagener kennen den Pletschbach noch als das Gewässer, in dem sie schwimmen gingen oder sogar lernten. Es ist eine alte Schlinge des Rheins, die schon 800 vor Christus nachgewiesen wurde und bis zur Erfteinmündung führte. In einem Landschafts-Wegweiser der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald ist von vielen Broichen (Brüche) die Rede, die nur auf Knüppel-Stegen zu durchqueren waren. "Das war in den 1950er und 1960er-Jahren der Fall", so Stevens, "wenn die Straberger zu Fuß zur Kirmes nach Broich oder Gohr wollten. Anders war das Sumpfgebiet nicht zu passieren." Es waren eher Teiche, sagt er, mit einem extrem niedrigen Gefälle und daher nahezu ohne Strömung. Der ursprünglich etwa 3,7 Kilometer lange Pletschbach führte durch Delhoven und Knechtsteden, im Süden mit einem Arm bis zum Worringer Bruch und mit einer Schlinge auch nach Hackenbroich. Stevens berichtet über die Anpflanzung von Pappeln in diesem Feuchtgebiet, weil diese "lebende Verdunstungsmaschinen" seien.

Mit dem Braunkohletagebau vor über 60 Jahren begann eine weitflächige Absenkung des Grundwassers. Mit Folgen für Natur und Tierwelt durch den trockenen Boden. Rheinbraun bzw. RWE Power beauftragten dann den Erftverband mit der Einleitung von Wasser in das Norf-Stommelner-Grabensystem, um eine feuchte Lebensgemeinschaft in diesen Bereichen zu erhalten bzw. wiederzubeleben. Was auch gelingt. Ferner kümmert sich die Biologische Station im Kloster Knechtsteden auch mit kleinteiligen Gewässern um die Schaffung von Laich- und Lebensräumen für Molche und Frösche. Mit einer durchdringenden Änderung der Landschaft rechnet Stevens erst "zehn bis zwanzig Jahre nach Ende des Braunkohleabbaus und dem Anstieg des Grundwassers".

Quelle: NGZ
 
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