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Dormagen
Dormagener hört die Wut der Trump-Wähler

Dormagen: Dormagener hört die Wut der Trump-Wähler
Reporter Uli Halasz (l.) im Gespräch mit Lou Mavrakis (79), Bürgermeister von Moessen im Stadt Pennsylvania. "Alles geht vor die Hunde." FOTO: Daniel Roth
Dormagen. Journalist Uli Halasz recherchiert in den USA, trifft Menschen mit Abstiegsangst. Sie setzen ihre letzte Hoffnung auf den Republikaner. Von Klaus D. Schumilas

"Amerika, was ist bloß los mit Dir?" Eine Antwort auf diese simple, aber richtige Frage wollte der Dormagener Journalist Uli Halasz (46) bekommen. Warum wollen so viele US-Bürger Donald Trump wählen? Was läuft bei der Supermacht schief und wer sind diese Leute, die im nächsten Monat ihr Kreuzchen hinter dem Bewerber der republikanischen Partei setzen? Durch fünf Bundesstaaten fuhr der Chefreporter von "Aktiv", der überparteilichen Mitarbeiterzeitung des Deutschen Instituts der Wirtschaft mit Sitz in Köln, zusammen mit seinem Fotografenkollegen Daniel Roth durch den Nordosten der Vereinigten Staaten. Tausend Meilen später steht für den gebürtigen Neusser, der in Dormagen aufwuchs und hier lebt, fest: "Trump bedient eine Wut in der Bevölkerung, die sich über viele Jahre hinweg angestaut hat."

Zeugen für die Wut dieser Leute und deren Verlorenheitsgefühl fand Uli Halasz reichlich. "Es war nicht schwer, eine geeignete Route festzulegen, um diesen Menschen zu begegnen. Zum Beispiel in Virginia und Pennsylvania, mit ehemals blühenden Industriezonen. Dort lebten die Familien ihren Traum: zwei Autos, Haus, College-Ausbildung für die Kinder und ein paar Wochen Urlaub." Heute findet man dort geschlossene Einkaufsläden, Autowracks und Möbel am Straßenrand. "Die Route war ein Volltreffer", so Halasz.

Erst Job weg, dann die Krankenversicherung: Joanna Kindermann. FOTO: Daniel Roth

Er findet zum Beispiel Joanna Kindermann vor ihrem Haus am Rand von Mooresville in North Carolina. Sie hat Schilder in ihren Rasen gerammt, auf einem steht in Riesen-Buchstaben "Trump", auf einem anderen ist Hilary Clinton hinter Gittern zu sehen. "Einsperren, die Schlampe", sagt sie. Halasz begleitet die 49-Jährige in den Keller, wo sie einen Stahlspind öffnet - voll mit Waffen. Das gebe ihr wieder das Gefühl von Sicherheit, erzählt der Dormagener. "Sie hat mir erzählt, dass erst ihr Job weg war, dann die Krankenversicherung, jetzt fürchtet sie um ihr Haus." Sie hat einen College-Abschluss in Informatik, besaß einen guten Job, ehe ihre Abteilung nach Asien verlegt wurde.

Halasz trifft Richard Post in Livingston Maner im Bundesstaat New York. "Der Mann betreibt seit 41 Jahren seinen Jagdwaffen-Laden. Er ist jetzt 71 und kann nicht in Rente gehen, hat er mir erzählt. Vorsorge fürs Alter habe er sich nicht leisten können." Er wählt Trump, weil der, so die Begründung, die sich der Dormagener anhört, an der Notbremse des Zuges steht, der schon ewig in die falsche Richtung fährt. "Er sagte: Die Koffer fliegen hübsch durch den Waggon und es mag sich auch jemand wehtun, aber der Zug steht." Hießen die Schlagwörter früher "Hope" und "Change", so beherrschen heute Wut und Angst die Debatte. "Vor Terrorismus, Einwaderern, Freihandel. Vor allem aber: Angst vor Wohlstandsverlust und Abstieg", schreibt der 46-Jährige in seiner lesenswerten Reportage in "Aktiv".

Richard Post sitzt grimmig in seinem Jagdwaffen-Laden. FOTO: Daniel Roth

Die Menschen, denen er begegnet, erzählen sofort, breiten ihr Leben und ihre Situation offen aus. Halasz: "Die Wut, auf die ich getroffen bin, hat mich sehr nachdenklich gemacht. Millionen Amerikaner fühlen sich von Washington verkauft und abgehängt. Und aus deren Sicht steht niemand so sehr für das Establishment und die Herablassungen der Elite wie Hillary Clinton." In Virginia, einer ehemaligen Montan-Region, sah er "straßenzügeweise Mobilheime, in denen die Menschen leben". Wie reagieren die Trump-Fans auf die Sex-Vorwürfe? "Die vielen Hardcore-Fans ignorieren das einfach." Halasz hat in den USA seit seinem 14. Lebensjahr regelmäßig Verwandte besucht. Seine Prognose für die Wahl am 8. November: " Ich gehe relativ fest davon aus, dass Clinton das Rennen macht. Sie ist das geringere Übel."

Quelle: NGZ
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