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Dormagen
Ehepaare - eine aussterbende Art

Dormagen: Ehepaare - eine aussterbende Art
Michael und Jennifer Ehnert überzeugten mit ihrem bitterbösen Schlagabtausch in der Kulturhalle. FOTO: Anja Tinter
Dormagen. Natürlich war die "Kulle" ausverkauft, auch wenn knapp 20 Plätze wegen der Glatteiswarnung letztlich frei blieben. Das Kabarettistenpaar Jennifer und Michael Ehnert war nach 2012 ("Küss langsam") mit ihrem zweiten gemeinsamen Programm wieder in Dormagen. Von Hansgeorg Marzinkowski

Auch diesmal ging es um Ehe, die zielorientiert auf Scheidung programmiert ist. Das beginnt ganz harmonisch mit der Feststellung des Zahlenfetischisten Michael: "Wir sind seit 12 Jahren sehr, sehr glücklich verheiratet." Jennifer: "Seit acht!" Während Michael das erste Date auf Jahr, Tag, Minute konserviert hat, lag er mit dem Heiratsdatum gründlich daneben. Der Konflikt war vorprogrammiert. Und der tobt sich in beinahe zwei Stunden gründlich aus.

In einer Welt voller Singles, Lebensabschnittsgefährten und One-Night-Stands empfindet sich das Ehepaar Ehnert als aussterbende Art. Die Zeit des Verliebtseins wird in der Nachbetrachtung zur Manipulation des Gehirns, Schmetterlinge im Bauch zum "ekligen Insektarium". Das Paargespräch nimmt an Fahrt auf: "Einen Schritt zurück machst Du nur, um mehr Anlauf nehmen zu können." Auch die Bettgeschichten bleiben nicht ausgespart. Sie rülpst beim Sex, er begleitet das Liebesspiel mit Bahndurchsagen: "Auf Gleis 6 kommt in wenigen Sekunden wie immer deutlich verfrüht..."

Unglaublich textstark überzeugen in kleinen Geschichten die beiden auch im wirklichen Leben verheirateten Kabarettisten mit enormem Talent: Michael als Gynäkologe, der zwischen Abstrich und Ultraschall über griechische Mythologie und Aristophanes-Komödie philosophiert, als Ex-Lover seiner Frau und als schwuler "bester Freund", Jennifer glänzt als "Prostatuierte" Olga mit osteuropäischem Akzent.

Tatsächlich haben beide eine fundamentale Schauspielausbildung absolviert, Michael darüber hinaus vielfältige Erfahrungen als Regisseur, unter anderem beim Düsseldorfer "Kom(m)ödchen". Der völlige Verzicht auf Bühnenbild und Kulisse wird durch rhythmisch koordinierte Choreographie (Regie: Martin Maria Blau) und fulminantes Tempo wettgemacht. Die auch die Allgemeinbildung der Zuhörer fordernden intelligenten Texte rutschen nur gelegentlich aus, etwa wenn Sexualpraktiken anderer Völker persifliert oder einem Label mit dröhnender Gesellschaftskritik "Krebs im Kinde" zugeordnet wird.

Ganz versöhnlicher Abschluss: Wie Philemon und Baucis wollen Michael und Jennifer gemeinsam sterben. Da wird sogar Ovid rezitiert.

Quelle: NGZ
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