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Dormagen
Frank Lüdecke über Politik, Digitalisierung und soziale Medien

Dormagen. "Schnee von morgen" ist schon sowas von überholt, da unterhält der politische Kabarettist Frank Lüdecke das anspruchsvolle Dormagener Publikum lieber mit seinem aktuellen Programm "Über die Verhältnisse" und bot politisches Kabarett mit philosophischen Seitensprüngen - nachdem er verdaut hatte, dass der Herr in der ersten Reihe weder seinen noch den Namen seines Programms kannte.

Denn das schürte natürlich Selbstzweifel, wie Lüdecke selbstironisch betonte: "Ich mache Kabarett, seit ich 17 Jahre alt war. Und wenn man etwas so lange macht, kommen automatisch Zweifel. Ich spiele ein Programm, das keiner kennt, vor Menschen, die mich nicht kennen." Sein Ziel an diesem Abend im Norbert-Gymnasium Knechtsteden: "Ein besseres Arbeitsergebnis erzielen." Dazu erörtere er Fragen wie: Gäbe es mehr Interessenten an ehrenamtlicher Arbeit, wenn diese bezahlt würde? Und ist es schon Chancengleichheit, wenn der Langsamste das Tempo aller bestimmt? Sind staatliche Schulen die Awo des Bildungswesens? Und hat die WhatsApp-Gruppe die Familie längst abgelöst? Immerhin antworten die Kinder auf Nachrichten in Sekundenschnelle mit "gelben Gesichtern", nur die Höhe der Mundwinkel varriere.

Unter der Überschrift "Informationsüberflutung ist Filterversagen" erlaubte der tadellos im Anzug gekleidete Kabarettist dem kichernden Publikum, sich vorzustellen, er würde Topmodel Miranda Kerrs Blumen-Hosen-Look nachstylen. "Erstens: Ich style nichts nach. Zweitens: Ich trage keine Blumenmuster. Drittens: Wer ist Miranda Kerr? Ich musste sie erst mal googeln und war dann sehr erfreut."

Digitalisierung und Soziale Medien seien doch ohnehin vor allem dazu gut, zeitsparend eine Meinung zu vertreten, ohne sie überhaupt gebildet zu haben. Das erklärte Lüdecke anschaulich: "Nehmen wir an, Sie haben die Lösung für die Flüchtlingsproblematik. Sie verfassen sie in komplexe Gedanken, neun Absätze lang, mit drei schweren Begriffen. Ergebnis: vier Likes. Schreiben Sie einen kurzen Kommentar mit dem Fazit: ,Treibt die Flüchtlinge zurück ins Meer.', bekommen Sie 300 Likes. Posten Sie ein Video, das zeigt, wie ihr Hund aufs Sofa springt: 1000 Likes. Also ist das Problem, dass Sie keinen Hund haben!"

Die Zuschauer lachten, als Lüdecke von seinen Erfahrungen mit Live-Tickern, Textnachrichten oder Twitter berichtete. Übrigens: "Wand-Tattoos à la ,Wer rund geboren wurde, kann nicht eckig sterben' oder ,Geld ist nicht alles im Leben, aber es sorgt dafür, dass die Kinder in Kontakt mit dir bleiben' lösen die heimische Bibliothek ab und sind analoges Twittern." Der Berliner Kabarettist bescherte den Dormagenern einen unterhaltsamen wie tiefgründigen Abend. Jetzt kennen bestimmt alle seinen Namen.

(vest)
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