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Dormagen
Gedichte von Migranten auf Lkw-Planen

Dormagen: Gedichte von Migranten auf Lkw-Planen
Trugen Migrantengedichte auf Lkw-Planen vor, v. r. Muhudin Ahmed, Initiatorin Daniela Boltres, Ilona Wenzel, Ariya Esfandyari und Lisa Beitler. FOTO: G. Salzburg
Dormagen. Bis November ist in der Stadtbibliothek eine eindrucksvolle und eindringliche Ausstellung zu sehen, in der die Erfahrungen von Zuwanderern über das Fremdsein in der neuen Heimat auf Lkw-Planen zu lesen sind. Von Franziska Gräfe

Im Inneren sind wir alle Menschen, empfinden Flucht und Entwurzelung gleichsam schmerzlich: Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Wanderausstellung "Wer versteht das schon?", die derzeit in der Stadtbibliothek am Marktplatz gastiert und am Mittwoch mit einer Lesung der besonderen Art eröffnet wurde. Die Schau besteht aus selbst verfassten Gedichten, in denen Zuwanderer aus verschiedensten Kulturkreisen in ihrer Muttersprache ihre Erfahrungen von Aufbruch und Ankunft beschreiben. Daniela Boltres, Literaturdozentin in Rostock, hat diese Lyrik samt deutscher Übersetzung auf Lkw-Planen - in Anspielung auf das Transportmittel der Flüchtlinge - drucken lassen und reist damit durch Deutschland. Ihr Ziel: Die Persönlichkeit und das Schicksal der Migranten sichtbar machen, "und das geht am besten, wenn sie sich in ihrer eigenen Sprache ausdrücken können".

In der Stadtbibliothek fungierten Dormagener, deren Wurzeln in anderen Ländern liegen, als "Vorleser" der Texte, die in großer Zahl von Rostocker Studenten stammen: Sie trugen die Gedichte auf farsi, russisch, arabisch, englisch oder ungarisch vor und gaben dabei auch etwas von sich selbst preis. Denn die Erfahrung des Fremdseins eint Dichter und Vortragende. Ariya Sfandiyari etwa, ein junger Mann um die 20, der aus dem Iran nach Dormagen geflohen ist, rezitierte mit großer Empathie auf farsi das Gedicht "Dein Zuhause" seines Landsmannes Hani Navaseri: "Mein Koffer ist leer, meine Schuhe sind alt, mein Weg ist weit." Der erst 16-Jährige Muhudin Ahmed Ali aus Somalia lieh seine Stimme dem Syrer Ali Ebrahim, einem Zahnarzt, der in Bayern lebt, während seine Familie noch in Syrien ist: "Spielraum gibt es hier, wo sich die Wünsche einleben, die Auferstehung und das Leben. Ich bin hier, aber dort sind sie." Gleichsam den Kraftakt des Weggehens und Ankommens beschreibt die Ungarin Malvina-Melinda Lacatos, gefühlvoll interpretiert von Ilona Wenzel, die sie fragt: "Heimat, was ist das? Ist das ein Gefühl, Geborgenheit, Wärme... oder das Land, in dem wir geboren sind?" Das Thema Heimat beschäftigt Daniela Boltres, den kreativen Kopf des Sprachprojekts, schon lange. Geboren ist sie in Siebenbürgen, das zu Rumänien gehört, mit 16 kam sie nach Dormagen. Der Vater sprach siebenbürgen-sächsisch, die Mutter rumänisch. "Man lernte die Sprache des anderen und zeigte damit eine bestimmte Haltung ihm gegenüber", erzählt Baltres, die in der Sprache des Vaters schreibt von der "Verzweiflung, nicht deutsch genug zu sein".

Die Ausstellung "Wer versteht das schon?" ist Teil der "Interkulturellen Woche", der Lyrik-Abend gemeinsam organisiert von Bärbel Breuer und Anja Stephan, die bei der Stadtverwaltung aktiv sind in Sachen Integration und Flüchtlingsbetreuung. Durch den Abend führte Michael Dries, der Boltres seit vielen Jahren kennt und den zwei Dutzend Zuhörern versprach: "Sie werden das Innere eines Menschen fühlen heute Abend." Vize-Bürgermeister Andreas Behncke machte deutlich, dass "jeder aufgerufen ist, sich für ein friedliches Zusammenleben in seinem Umfeld einzusetzen". Dieser Botschaft schloss sich auch Peter Pick an, der den Abend mit intelligent ausgewählten Stücken am Piano begleitete und mit seiner Interpretation des Bläck Fööss-Klassikers "Stammbaum" für einen echten Gänsehaut-Moment sorgte.

Quelle: NGZ
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