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Dormagen
Historiker-Streit um den "Sturm auf Zons"

Dormagen: Historiker-Streit um den "Sturm auf Zons"
Burgundische Angreifer legen die Leiter an der Zonser Stadtmauer an. Der "Sturm auf Zons" wurde jetzt zum zweiten Mal nachgestellt. FOTO: A. Tinter
Dormagen. Ein Geschichtswissenschaftler bemängelt nun die Darstellung des "Sturm auf Zons"-Spektakels als "historisches Nichts". Andere historische Quellen belegen den Angriff von 1475 auf Zons. Von Carina Wernig

Mehrere hundert Zuschauer verfolgten Ende Mai gebannt, wie 100 internationale Historien-Darsteller unter lautem Kanonendonner und großem Pfeil-Hagel an zwei Tagen den "Sturm auf Zons" von 1475 an der Zonser Stadtmauer nachstellten. Aus Deutschland, Belgien, Frankreich, den Niederlanden und England waren die Mittelalter-Akteure nach Zons gekommen - sie alle und das Publikum hatten viel Spaß. Wie Initiator Wolfgang Göddertz von der Zonser Garnisonen angekündigt hatte, sollte "mit historisch akkuratem Re-Enactment Geschichte erlebbar gemacht" werden. Gegen diese Geschichts-Darstellung hat nun Martin Fischer, ein Historiker, Einspruch erhoben. Er bezweifelt das Ausmaß des Angriffs des burgundischen Heers im Rahmen des Neusser Krieges 1474/75 auf die Zonser Stadtmauer: "Eine Schlacht um Zons hat es im Jahre 1475 nicht gegeben", schreibt er unserer Redaktion. Der "Sturm auf Zons" sei "viel Lärm und Rauch um historisches Nichts".

Dazu zitiert er aus dem Buch "Der Kampf um Neuss. Die Belagerung aus Feindessicht: Chroniques de Jean Molinet". Darin heißt es über die stockfinstere Nacht im April des Jahres 1475: "16 burgundische Soldaten versuchen mittels einer Leiter über die Zonser Stadtmauer zu klettern. Ihr Ziel ist es, die Stadttore für den Rest der Truppe zu öffnen - ein paar hundert Leute, die in einiger Entfernung warten." Aber die Sache sei schief gegangen, wie er Jean Molinet - Hofchronist von Herzog Karl dem Kühnen von Burgund - weiter zitiert: "Die Zonser bekommen Wind von der heimlichen Aktion und die Burgunder blasen ihr Vorhaben ab und kehren noch in derselben Nacht in ihr Lager bei Neuss zurück." Fischer regt an, das Spektakel als "eine frei erfundene Schlacht" zu bewerben.

Es gibt jedoch einige andere historische Zeugnisse, so hat Aenne Hansmann in ihrer Promotionsarbeit 1970 diesen Angriff beschrieben, was in "Geschichte von Stadt und Amt Zons" von 1973 nachzulesen ist: "Gegen Ende der Belagerung von Neuss mehrten sich die Warnungen, die von einem geplanten Angriff der Burgunder auf Zons sprachen. Mitte April wurde ein Sturm mit 5000 Bewaffneten unternommen, der jedoch abgeschlagen werden konnte." Ihre Arbeit kann nach wie vor als ein zentrales Werk zur Zonser Stadtgeschichte gelten.

Wolfgang Göddertz wehrt sich gegen Fischers Vorwürfe und beleidigende Äußerungen auf Facebook: "Wir haben uns das nicht ausgedacht, sondern greifen auf historische Quellen zurück." So verweise die Internetseite auf viele verschiedene Quellen. Nicht ausgeschlossen sei zudem, dass sowohl der Leiter-Fehlversuch als auch ein größerer Angriff 1475 stattgefunden hätten.

Kreisarchivar Stephen Schröder verweist "auf die Notwendigkeit, alle Quellen heranzuziehen, um eine Klärung des Ausmaßes des militärischen Engagements vornehmen zu können". Dazu reiche ein einfaches Zitat nicht aus. Die Zonser Episode sei ein Detail im Burgunderkrieg um Neuss. Über die Kölner Stiftsfehde hatte Schröder vor den "Sturm auf Zons"-Aufführungen eine historische Einordnung vorgetragen. Er regt an, die neue Quelle weiter zu untersuchen.

Quelle: NGZ
 
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