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Dormagen
Kabarettist rappt durch die Kulle

Dormagen. Christoph Sieber sorgt vor begeisterten Fans für krasse Stimmungswechsel.

Nur nichts erwarten von diesem Abend, warnt Christoph Sieber, noch bevor das Programm beginnt. "Ich lese überall, ich würde Antworten geben auf die großen Fragen unserer Zeit." Stille im Saal. Sieber: "Eineinhalb Jahre hab ich für mein aktuelles Programm recherchiert, rausgefunden - nichts!" Für einen, der nichts zu sagen hat, sagt Christoph Sieber sehr viel, sehr viel Gescheites sogar, am Mittwochabend in der Kulle. .

Mehr grauer Wolf ist er in Dormagen, der Alternative, das lockige Haar wellt sich im Nacken. Statt Anzug trägt Sieber Jeans und Hemd mit Muster. Das Mundwerk aber: bissig und gnadenlos. Nichts und Niemand bleibt bei seinem furiosen Ritt durch die Absurditäten und Abgründe der Gegenwart verschont. Am allerwenigsten der Zuschauer selbst, der sich ein ums andere Mal ertappt fühlen muss. Könnte man nicht selbst jene App gebrauchen, die vor Straßenlaternen warnt, damit man, übers Smartphone gekrümmt, nicht dagegen läuft? Elegant gleitet der Schwabe vom Handy-Wahn zum toten Tier ("Woher ihr Fleisch kommt, wollen alle wissen? Na vom toten Tier, woher sonst") über den Emissionshandel hinüber zur Betriebsversammlung der Bäckerei Häberle in Laiblingen, die den "Breakeven beim Cash-Flow im B2B-Geschäft nicht erreicht". Das Publikum schüttelt sich in einem Moment vor Lachen, doch im nächsten Augenblick wird es bitterernst. Sieber beherrscht sie, diese krassen Stimmungswechsel, die brutalen Themensprünge. Gerade geht es noch um die Akademikerinnen, "klug aber frigide, verloren zwischen promovieren und Brote schmieren". Sieber rappt und rockt und trällert und tanzt, er hat eine künstlerische Ausbildung an der Folkwang-Schule absolviert. Momente, die Leichtigkeit zulassen in diesem Programm, das seinen Namen "Hoffnungslos optimistisch!" nur einem Umstand verdanken kann: Dem Wunsch des Künstlers dass jeder einzelne im Publikum ein bisschen Revolution probt gegen das, was falsch läuft in der Welt. Und dann hätte dieser rasende, bitterböse Abend ja doch noch eine kleine Antwort gegeben auf die großen Fragen unserer Zeit.

(-fg)
 
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