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Johann-Andreas Werhahn
"Kampf um Sekundarschule lohnt sich"

Dormagen. Der Vorstand Trägerverein NGK und Kreistagsabgeordnete über "seine" Schule, Kreiskrankenhäuser und Schützenfest.

Herr Werhahn, die Frage kurz vor Neusser Schützenfest muss sein: Ist alles parat?

Johann-Andreas Werhahn Ja, alles auf gutem Weg. Obwohl meine Frau meinte, dass dieses Jahr mal eine neue Uniform hätte drin sein müssen.

Was macht die Faszination dieses Festes aus?

Werhahn Die Liebe zur Heimat und zum Menschen.

Sie haben auch Ihre Frau durch das Schützenfest kennengelernt?

Werhahn Mein Schwiegervater wurde Mitglied unseres Zuges. Er hat drei Töchter. Eine musste 'Ja' sagen.

Sie leben mit Ihrer Familie in Ückerath. Warum?

Werhahn Meine Familie ist mit mir sieben Mal umgezogen. Als es wieder Richtung Neuss ging, fragten wir unsere Freunde, welche denn in Neuss und Umgebung die beste Schule sei. Fast jeder nannte interessanterweise die, auf die seine Kinder gingen. Da fragten wir nach der Zweitbesten und viele nannten das Norbert-Gymnasium. So haben wir eine Linie zwischen Knechtsteden und dem Neusser Hafen gezogen und landeten wunderbar in Ückerath. Den Ort kannten wir bis dahin nicht. Knechtsteden ist für Dormagen ein Aktivposten.

Was macht das Norbert-Gymnasium so besonders?

Werhahn Alle sind freiwillig dort. Es ist eine eigenbestimmte Schule. Wer dorthin geht, muss wissen, dass er bis zum Abi christlichen Religionsunterricht hat. Bei den Anmeldungen spricht Schulleiter Johannes Gillrath auch allein mit den Schülern, um herauszufinden, ob sie mitmachen, heißt: sich engagieren wollen. Wir haben 1300 Schüler und Schülerinnen und müssen leider jedes Jahr viele ablehnen, weil wir die Schule nicht unendlich aufblasen können.

Ist es ein Vorteil, dass das Norbert-Gymnasium privat ist?

Werhahn Privat allein ist kein Nutzen. Das Besondere an der Schule ist das hohe Engagement von Lehrern, Schülern und Eltern.

Viele reden von einer Eliteschule.

Werhahn Wenn damit Herzensbildung gemeint ist, kann ich mit dem Begriff gut leben. Herzensbildung ist das Wichtigste.

Hat der Rhein-Kreis Neuss Einfluss auf die Schule?

Werhahn Direkten Einfluss nimmt er nicht. Er greift ein, wenn die Zahlen nicht stimmen. Die Form des Trägervereins ist das richtige Vehikel. Zu 90 Prozent wird die Schule von Düsseldorf finanziert, die restlichen zehn fallen auf den privaten Anteil, das Bistum, den Rhein-Kreis sowie die Stadt Dormagen.

Wie ist die Ausstattung der Schule, Stichwort 'Digitalisierung'?

Werhahn Wir haben dort kaum Internet-Empfang. Das ist wirklich verbesserungswürdig. Gespräche laufen. Aber wir haben die größte private Photovoltaik-Anlage, aus der wir 25 Prozent unseres Energiebedarfs gewinnen. Exzellent in Richtung 'Digitalisierung' ausgestattet sind aber die Berufsbildungszentren des Rhein-Kreises.

Ist der Erhalt der Sekundarschulen ein Kampf, den man nicht gewinnen kann?

Werhahn Das sehe ich nicht so. Warum haben wir in Deutschland die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit? Weil wir gute Hauptschulen haben, gute Handwerker, gute Meister. Ich bin überzeugt, dass diese Tradition über die Schiene Sekundarschule weiter geht. Es können nicht alle Abitur machen und studieren, obwohl natürlich der, der auf die Sekundarschule geht, später auf einer Kooperationsschule Abitur machen kann. Wichtig ist, dass die Klassenstärke in den Sekundarschulen niedriger ist als in den Gesamtschulen. Das brauchen manche Kinder, um sich entfalten zu können. Der Kampf um diese Schulform und um unsere Kinder lohnt sich. Sozial ist, wenn weniger Kinder in einer Klasse unterrichtet werden.

Wie ist in Knechtsteden die Haltung zu G8?

Werhahn Wir waren nicht dafür. Doch jetzt haben wir's und sind Ganztagsschule. Jetzt wollen wir, dass es so bleibt. Wir wollen unterrichten und nicht umorganisieren.

Stichwort Kreiskrankenhäuser - was wird sich dort verändern?

Werhahn Die Zahlen in den Häusern in Dormagen und Grevenbroich müssen wieder schwarz werden. Eine GmbH zu gründen, könnte eine Richtung sein, aber noch ist nichts entschieden. Wir sind überzeugt, dass beide erhalten bleiben. Das mit den Zahlen bekommen wir hin. Das Wichtigste am Ende: Es muss ein Nutzen für die Menschen dabei herauskommen.

Bereit für Gespräche mit dem Lukaskrankenhaus?

Werhahn Wenn ich für Gespräche nicht bereit wäre, säße ich jetzt nicht auf dem NGZ-Sofa.

Was ist aus den ehemaligen CDU-Hochburgen Rhein-Kreis Neuss und Stadt Neuss geworden?

Werhahn Die CDU hat Fehler gemacht. Das werden wir nicht wiederholen. Daran arbeiten wir.

Vier der acht Rathäuser im Rhein-Kreis sind inzwischen in den Händen der SPD - die in Neuss, Grevenbroich, Rommerskirchen und Dormagen. Dort ist der Wahlkreis von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Muss einem CDU-Mann da vor der Bundestagswahl im kommenden Jahr nicht bange werden?

Werhahn Nein. Ein Gröhe in Berlin nutzt auch der SPD hier vor Ort. Besser ein Neusser am Kabinettstisch als ein eigener Kandidat auf der Hinterbank.

In der Politik sind Sie ein Spätberufener. Haben Sie jetzt eine andere Sicht auf Politiker?

Werhahn Sie sind auch nur Menschen. Ich mache die Politik leidenschaftslos, an der Sache und am Ziel orientiert. Und bin gelassen, weil ich persönlich nichts anstrebe.

Sie sind nicht nur Vorstand im Trägerverein des Norbert-Gymnasiums, Kreistagsabgeordneter, Präsident der Neusser Bürgergesellschaft, sondern engagieren sich mit Anderen beim Projekt 'Kompass D' auch für junge Flüchtlinge.

Werhahn Ja, das Projekt ist einfach einzigartig in Deutschland. Gebündelt 50 Unternehmen sind mittlerweile dabei, die Städte, der Kreis und viele engagierte Menschen. ,Kompass D' hat Spendenzusagen bis zu einer Million Euro für professionelle Begleitung für drei bis fünf Jahre - und das, obwohl wir Aktiven nicht garantieren können, wie erfolgreich wir sein werden.

Was ist das Ziel von ,Kompass D'?

Werhahn Für bleibeberechtigte schulpflichtige Jugendliche und junge Erwachsene ein selbstbestimmtes Leben zu erreichen. Durch Ausbildung in Betrieben, zusätzliches Sprachtraining in den Gebäuden der Berufsschulen des Rhein-Kreises eine Perspektive für ein zukünftiges Erwerbsleben bei uns in ihrer neuen Heimat zu erreichen. Im Oktober des vergangenen Jahres ist das Projekt gestartet. Seitdem haben wir viele der jungen Leute kennengelernt. Und wir haben gelernt, dass es etwas ganz anderes ist, ihnen gegenüberzustehen und ihre Geschichte zu hören, als darüber zu lesen oder Bilder im Fernsehen zu sehen. Da merkt man schnell, wie übersozialisiert wir sind. Zwei, um die wir uns gekümmert haben, haben bereits nach drei Monaten eine Lehre begonnen. Aber wir sollten Geduld mit den jungen Leuten und mit uns haben.

Wie erklären Sie Dormagen in Neuss?

Werhahn ,Chemiestadt'. Ich habe meinen Zug ,Nur So' mal nach Ückerath zum Zugkönigschießen eingeladen, allerdings nach Ückerather Art, also zum Hahneköppen. Und danach gab es bei Werhahns Hühnerfrikassee (sagt er und grinst, Anm. d. Red.).

LUDGER BATEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH, ANNELI GOEBELS FASSTE ES ZUSAMMEN.

Quelle: NGZ
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