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Dormagen
Keimfreies Polit-Kabarett beim Theatersommer

Dormagen: Keimfreies Polit-Kabarett beim Theatersommer
In hoher Redegeschwindigkeit nimmt Kabettist Ingo Börchers die Zuschauer mit durch sein Programm. Archivfoto: hn FOTO: Hertgen Nico
Dormagen. Ingo Börchers sauste als bekennender Hypochonder durch das Programm, das beim Publikum gut ankam.

Der Kabarettist und Schauspieler Ingo Börchers (43) aus Bielefeld trat jetzt erstmals in Dormagen auf. Rund hundert Besucher wollten ihn in der Theaterscheune des Klosters Knechtsteden sehen und vor allem hören. Sein Soloprogramm "Ferien auf Sagrotan" (Premiere 2014) ist eine Mischung aus "Ferien auf Saltkrokan" von Astrid Lindgren und einem Desinfektionsmittel.

Mit Astrid Lindgrens schöner Erzählung haben allerdings die bitterbösen, dabei intelligenten und detailgetreu informierten Abrechnungen mit Auswüchsen unserer Wohlstandsgesellschaft wenig gemein. Mit spitzer Zunge und in wahnwitziger Redegeschwindigkeit, die auch mal zum Verhaspeln neigt, fürchtet sich der bekennende Hypochonder gleich vor mehreren Krankheiten. Bakterien, Viren, Parasiten - "wer A sagt, muss auch septisch sagen". Also wäscht er sich mehrmals am Tage die Hände. Die Keimbelastung an Bankautomaten ist höher als in öffentlichen Toiletten. "Natürlich, Geld ist schmutzig und macht krank!" In der Sauna herrscht eine größere Artenvielfalt als im tropischen Regenwald. Seine Sozialkritik macht der "Humorarbeiter" - wie sich Ingo Börchers selbst sieht - vor allem an der Ernährung (voller Mythen und Irrtümern), am Gesundheits- und Rentensystem (Oma ist uns lieb und teuer), am Gammelfleisch und der Pharmaindustrie fest. "Wir haben 20.000 Arzneimittel mit 2.000 Wirkstoffen und 5.000 Nebenwirkungen." Die Zahlen stimmen immer und machen eher betroffen. Krankheitserfinder (gemeint sind Pharmareferenten) sind dazu da, für neu entwickelte Medikamente neue Krankheitsbilder zu finden. Witzig sind so manche Wortspielereien. Der Patient kommt mit Gallenbeschwerden zum Arzt, der stellt fest "Oh, das ist bitter!"

Manche Krankheiten wie Gürtelrose und Vorhofflimmern haben geradezu lyrische Kraft. Der Natur sollte man nicht ins Handwerk pfuschen. Treffen sich zwei Änderungsfleischer (gemeint sind Schönheitschirurgen), sagt der eine zum andern "Was machst du denn heute für ein Gesicht?". Frauenärzte schulen um auf Bademeister. "Okay, sie verstehen was vom Beckenrand." Der Schöpfergott hat leider auch nicht alles perfekt gemacht. "Dass die Abwasserleitung mitten durch unser Lustzentrum geht!" Eine zunehmende Rolle spielt die digitale Welt. Die Zahnbürste mit drei Pflegestufen führt der "Ängstliche" live vor, und "mein Klo fragt mich: Wollen Sie die Sitzung wirklich beenden?"

Für Ingo Börchers hat Kabarett sehr viel mit schonungsloser Aufklärung zu tun. "Glaubt Ihr mir jetzt? Leben hat sehr viele Nebenwirkungen!"

(Nima)
 
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