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Dormagen
Komödie mit schwarzem Humor und Aberwitz

Dormagen. Ensemble des Kammertheaters überzeugt die Besucher mit einem exzentrischen, gesellschaftskritischen Stück Von Hans-Georg Marzinkowski

"Das Fehlen jeglicher Verständigung ist die beste Basis für eine glückliche Familie." Das hat Großvater Sutton oft gesagt, aber er tritt in der Komödie "37 Ansichtskarten" des 1962 in Miami geborenen Broadway-Autors Michael McKeever gar nicht auf. Denn er ist beim Versuch, vom Dach des Hauses irgendwo in Connecticut zu fliegen, gestorben. Dieses Haus droht im Erdboden zu versinken, und so ist die Bühne (von Cory Gisy) im schmucken Kammertheater Dormagen so schräg wie das ganze Theaterstück.

Die Kammerkünstler strapazieren die Gefühle der Premierenbesucher stark, auf spontane Lacher folgt kohlrabenschwarzer Humor, zwischen exzentrisch skurril und tatsächlich verrückt - wie die Darsteller müssen auch die Besucher Schlupflöcher in die Wirklichkeit finden. Sohn Avery (oft fassungslos, aber souverän Rainer Wittig) kehrt nach achtjährigem Europaaufenthalt zurück und muss feststellen, dass nichts mehr so ist wie vor seiner Abreise. Er will seine Verlobte Gillian (ausdrucksstark Tanja Kornwebel) vorstellen, die von seiner Mutter Evelyn (mit starker Mimik Heidi Ruetz: "Ich bin ab und zu etwas verwirrt.") für das verschwundene Dienstmädchen Sheridan gehalten wird. Vater Stanford (Haka Linß: "Ich geh ein wenig schwingen.") lebt sein eigenes Leben und spielt Golf - am liebsten nachts. Übersicht behält allein Tante Ester, die allerdings in Heimarbeit eine "Dienstleistungsagentur für Senioren" betreibt. Der Ückerather Schwadlappe Nicole von Zons ist die Rolle scheinbar auf den Leib geschrieben, gekonnt vermittelt die leidenschaftliche Köchin pikanten Telefonsex.

Aus dem wirklichen Leben haben sich alle irgendwie verabschiedet, weil es zu weh tut. Vor allem die tot geglaubte Großmutter Nana, sie hat aber im "grünen Zimmer" neben der Küche dank der Speisekammer wunderbar überlebt und weiß als einzige, wo im Haus die "harten Sachen" stehen. Trotz ihres hohen Alters (97) saust sie mit dem Rollator über die Bühne und beleidigt in vitaler "Leck mich"-Mentalität so bitterböse, dass es einige Male auch den Zuschauern unter die Haut geht. Sabine Misiorny, der einzige Profi unter begabten Laien, spielt die Rolle mit überbordendem Temperament. Sie verantwortet auch zusammen mit Tom Müller die Regie. Das Team wird im Backoffice von Bianca Clemens (Regieassistenz) und Eileen Damon (Technik) sowie einem sehr freundlichen Serviceteam am Pausenbuffet unterstützt. Ausgerechnet der Schluss gelingt dem Autor Michael McKeever nicht völlig überzeugend. Nach tiefsinniger Gesellschaftskritik führt er in einem Gewaltakt das Ganze dann doch zum Happy End.

Info Die weitere Vorstellungen: An den Wochenenden 15./16. Januar., 22./23. Januar und 29./30. Januar, jeweils um 19.30 Uhr

Quelle: NGZ
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