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Interview Friederike Winterberg
Mädchen wollen auch mal unter sich sein

Interview Friederike Winterberg: Mädchen wollen auch mal unter sich sein
FOTO: Tinter Anja
Dormagen. In den Jugendhäusern JUST-in und GIL'ty gibt es sofort Angebote, an denen nur Mädchen teilnehmen können.

Warum wollen Sie spezielle Öffnungszeiten für Mädchen anbieten?

Friederike Winterberg Wir haben ein Ungleichgewicht in der Gruppe der Besucher festgestellt. Nur circa ein Drittel unserer Gäste im JUST-in und GIL'ty ist weiblich. Die Mädchenzeit ist ein Baustein auf unserem Weg, in dieser Hinsicht für einen Ausgleich zu sorgen.

War das Ihre Idee, oder haben die Mädchen danach gefragt?

Winterberg Es kommen immer wieder Anfragen von Mädchen, die nicht regelmäßig in die Einrichtung gehen, ob es nicht mal Angebote speziell nur für Mädchen geben könnte. Scheinbar gibt es im Moment bei einem Teil der Mädchen das Bedürfnis nach einer "eigenen" Zeit, ohne die Jungs. Mit dem Angebot hoffen wir, auch das Interesse der Mädchen zu wecken, die bisher nicht kommen.

Wenn von "wieder" die Rede ist, hat es solche Angebote ja bereits gegeben. Woran lag es, dass sie offensichtlich eingeschlafen sind?

Winterberg Ja, das stimmt. Vor einigen Jahren waren die regelmäßigen geschlechtsspezifischen Angebote für Jungs und Mädchen fest etabliert. Doch nach einer Weile stellte sich heraus, dass die Kinder und Jugendlichen nicht nur zu ihren "speziellen" Angeboten kamen, sondern dass beide Geschlechter während der Öffnungszeiten gleichermaßen stark vertreten waren - der Bedarf für eine spezielle Zeit nur für Mädchen oder Jungs bestand plötzlich nicht mehr. Ganz im Gegenteil, der Wunsch der Besucher war es dann, die gemeinsame Arbeit wieder mehr in den Fokus zu nehmen.

Warum ist es wichtig, dass Mädchen auch mal nur unter sich sind?

Winterberg Das ist eine sehr umfassende Frage, die ich hier nur rudimentär beantwortet kann. Wichtig ist es mir zu sagen, dass es nicht darum geht, Rollenvorstellungen "typisch Mädchen/typisch Junge" zu verfestigen. Das Gegenteil ist der Fall. Im täglichen Leben werden an die Kinder und Jugendlichen rollenspezifische Erwartungen gestellt. Einige überspitze Schlagworte möchte ich nennen: Mädchen sind eher still und zurückhaltend, fleißig, können sich gut ausdrücken. Jungs sind Rabauken, toben, schreiben krakelig. Den jungen Menschen fällt es im Alltag häufig schwer, sich von diesen Rollenerwartungen zu lösen, nicht "typisch" zu sein. Wer ist schon gern komisch? Mädchen unter sich fühlen sich nicht so beobachtet, und der soziale Druck nimmt ab. Gleiches gilt für die Jungs natürlich auch. In homogenen Gruppen nehmen sie erfahrungsgemäß eher die Gelegenheiten wahr, sich auszuprobieren, mal anders zu sein. Die geschlechtergetrennte Zeit ist ein Baustein unserer Arbeit mit dem Ziel, junge Menschen in ihrem Erwachsenwerden zu begleiten.

Welche Angebote wird es geben?

Winterberg Wir arbeiten sehr bedürfnisorientiert und stellen uns auf das ein, was die Besucherinnen machen möchten. Es werden Spiele gespielt, es wird gebastelt, wir kochen und backen gemeinsam. Oder, wenn gewünscht, "vertrödeln" wir die Zeit beim Musik hören und quatschen - in meinen Augen eine der Sinn stiftendsten Freizeitbeschäftigungen in unserer getriebenen Zeit voller Termine und Erfolgsdruck.

Welche Angebote fehlen den jungen Menschen in Rommerskirchen Ihrer Meinung nach?

Winterberg Ich finde das Angebot hier bei uns sehr vielfältig, aber man muss die Wünsche kennen, um wirklich bedarfsgerechte Arbeit leisten zu können. Auf der Jugendkonferenz der Gemeinde und des Jugendamtes hatten die Jugendlichen dazu die Möglichkeit, und nun arbeiten wir daran, die Wünsche zu erfüllen. Und selbstverständlich haben meine Kollegen und ich immer ein offenes Ohr für die Wünsche und Bedürfnisse der jungen Leute.

ANNELI GOEBELS STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: NGZ
 
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