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Dormagen
Metzger und Bäcker im Überlebenskampf

Dormagen: Metzger und Bäcker im Überlebenskampf
Anja und Jürgen Kollenbroich betreiben ihre Metzgerei in Straberg in vierter Generation. Ein unersetzliches Standbein ist der Partyservice geworden. FOTO: Anja Tinter
Dormagen. Die Zahl der kleinen Dormagener Handwerksbetriebe im Lebensmittelbereich schrumpft immer weiter. Wer sich gegen Supermärkte mit Fleischtruhe und Backautomat behaupten will, muss sich einiges einfallen lassen. Von Franziska Gräfe

In der Zonser Altstadt ist die Entwicklung augenfällig: Nur ein Schriftzug aus Messing über dem Hauseingang verweist darauf, dass Haus Nummer 30 an der Schloßstraße einmal die "Schlachterei Cremer, gegr. 1881" beheimatet hat. Gleich gegenüber stehen jetzt Schuhe im Schaufenster, wo einmal die legendären Zonser Kanonenkugeln aus der Backstube der Boddenbergs Leckermäuler lockten. Die Supermärkte mit Backautomat und Fleischtruhe sind auf dem Vormarsch - und das Sterben der kleinen Handwerksbetriebe im Lebensmittelbereich eingeläutet.

Wenn Willi Schillings von den verbliebenen 30 Fleischerei-Betrieben im Rhein-Kreis Neuss spricht, kommen dem Obermeister der Fleischer-Innung bessere Zeiten in den Sinn: "In den 1980er Jahren war der Kreis in zwei Innungen aufgeteilt, Neuss und Umland, zusammen waren das 160 bis 180 Betriebe." Nur in drei von 16 Dormagener Stadtteilen haben Metzgereien überlebt. Jürgen Kollenbroich aus Straberg ist einer, der sich behauptet hat - gegen Billigware vom Discounter, Trends contra "Tiere essen", trotz EU-Auflagen und Nachwuchssorgen. "Ohne unseren Partyservice könnten wir aber nicht überleben, wir können 250 Personen versorgen, verleihen Grills, Geschirr und Besteck und bieten im Sommer bis zu 25 Grillartikel an", sagt Kollenbroich, der in vierter Generation das Geschäft mit seiner Ehefrau betreibt. Er ist 50 und ohne Illusion, was die Zukunft des Traditionsbetriebes angeht. Der ist zwar maschinell auf neuestem Stand und erfüllt alle EU-Auflagen, "aber keiner ist mehr bereit, so viel zu arbeiten".

Auch im Image liegt das Problem, glaubt Innungs-Obermeister Schillings. "Der Beruf steht rau und blutig da", meint er, dabei gehöre Schlachten nicht notwendigerweise dazu: "Unsere Arbeit besteht in der Fleischveredelung und ist hochinteressant und vielfältig." Immerhin: Zwölf Gesellen hat die Innung in diesem Jahr losgesprochen. Preiskampf und Papierkrieg kennt auch Lothar May. Ob er den 13-jährigen Sohn einmal in seinen Fußstapfen sehen will, vermag der Bäckermeister gegenwärtig nicht zu bejahen. "Wir leben von guter Qualität, guter Beratung, unserer Stammkundschaft und davon, dass wir einen kleinen Tante Emma-Bereich haben", erklärt May. Die Belieferung von Schulen und Altenheimen sichert sein Geschäft, ständige Verschärfungen bei den Lebensmittelkontrollen rauben ihm Zeit und Nerven. Edmund Tockloth, stellvertretender Obermeister der Bäcker- und Konditoren-Innung des Kreises, meint, dass den Bäckern die Lobby fehle. "Da sitzen 1.500 Interessenvertreter in Berlin und trotzdem wird eine Umlage nach dem Erneuerbaren Energien-Gesetz beschlossen und ich muss im Monat 1.000 Euro mehr für Strom zahlen", schäumt Tockloth. Trotzdem haben in diesem Jahr acht Bäckergesellen und ebenso viele Bäckereifachverkäuferinnen ihre Prüfung abgelegt.

In einem sind sich Bäcker und Fleischer einig: Die Wertschätzung für Lebensmittel muss dringend steigen. Eine Trendwende ist eingeläutet, glaubt Lothar May: "Immer mehr Kunden kommen zu uns zurück." Fleischermeister Willi Schillings spricht vom Umdenken in seiner Branche. Früher, sagt er, musste man die Leute satt kriegen, "heute müssen wir sie hungrig machen".

Quelle: NGZ
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